Wolfgang Herrndorf: Tschick

Ein universelles Buch, in das man hineintaucht und nie wieder von der Außenwelt gestört werden möchte. Treffend und genau inspiziert Herrndorf die dem Menschen eigene Komik und macht Lust auf noch mehr Tschick.

Der Klappentext überschlägt sich förmlich vor Lob, er wird sogar neben der „verdammten Blechtrommel“ eingereiht. Kein Wunder also, dass die Erwartungen entsprechend hoch sind. Umso mehr erstaunt es jedoch, dass dieser kleine Spiegel-Bestseller allesamt weit übertrifft.

Witzig und charmant erzählt Herrndorf die Geschichte vom ungelenk-coolen Tschick und Maik, der nicht weiß wie er aus seiner eigenen Langweiligkeit ausbrechen soll. Mit Tschick hat er einen Charakter zum Leben erweckt, der noch viele Lesegenerationen nach uns seine Lebendigkeit verloren haben wird. Ein Poet im Russenkostüm und jüdischer Zigeuner zugleich, mit einer lässigen Galanz, die jeden Hipster in den Schatten stellt.

Sich selbst definiert er in aller Bescheidenheit. Wichtig für ihn ist nur, dass er aus der Walachei kommt und einen Opa ohne Zähne und fünf Zigaretten im Ohr hat. Kaum mehr weiß Maik von diesem neuen Klassenkameraden als dieser eines Tages mit einem geknackten Lada in der Hofeinfahrt auftaucht und ihn zu einem Trip durch Deutschland überredet. Und Maik lässt sich schneller auf dieses Angebot ein, als sein Vater die neue Sekretärin flachlegen kann.

Warum auch nicht, er hat schließlich allen Grund dazu. Ein Vater, der ihn nicht verstehen will, eine Mutter, die ihn dafür zwar für voll nimmt – aber leider ein lästiges Alkoholproblem hat und schließlich ein Mädchen, in das er heillos verliebt ist. Doch in seinem Leben regt sich nicht das kleinste Abenteuerlüftchen, denn obwohl Maik unter seiner spröden Schale kein Langweiler ist, verharrt sein Alltag in regungslosem, vor Langeweile starrendem Stillstand.

Jetzt bietet sich die beste Gelegenheit dazu, denn Maik sitzt einsamgelassen daheim, die Mutter mal wieder auf Entzug, der Vater in Affärengefilden, also was mit der ungewollten Freizeit anfangen?

Konnte ich das verkraften? Vierzehn Tage allein in dieser feindlichen Umwelt aus Swimmingpool, Klimaanlage, Pizzadienst und Videobeamer? Ja doch, ich nickte betrübt, ich könnte es versuchen, ja, ich würde es wahrscheinlich überleben.

Mit weiteren solchen, vor Sarkasmus triefenden Sätzen würzt der Autor das Buch und man kann gar nicht genug davon bekommen. Man hofft, man will, man verlangt eine Fortsetzung!

„Ich muss mal mit dir reden“, sagt der Arzt, und das ist logisch der dümmste Gesprächsanfang, den ich kenne.

Bei ihrer wilden Reise durch Deutschland treffen sie bald auf Isa, die einen Mut beweist, der jeden Erwachsenen in die Knie zwingt und ausgestattet mit einer Lebenslust, die ihresgleichen sucht. Wild und geheimnisvoll wie sie ist, dauert es nicht lange, und Maik verliebt sich in diesen Ronja-Räubertochter-Verschnitt. Einem Umstand, dem wir Leser einige wunderschöne Absätze zu verdanken haben, die man einrahmen und sich über Bett hängen möchte.

Ich hielt eine Ranke mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig von mir weg und schaute zwischen den Blättern durch auf das Mädchen, das da singend und summend und Brombeeren kauend im Gebüsch stand. Dazu dann noch der Brombeergeschmack in meinem Mund und die orangerote Dämmerung über den Baumkronen und im Hintergrund immer das Rauschen der Autobahn – mir wurde ganz seltsam zumute.

Pointiert und witzig zeigt Herrndorf auf die Banalitäten des deutschen Alltags und manche Parallelen zu aktuellen Ereignissen ziehen die Mundwinkel immer wieder gekonnt himmelwärts.

Aber eines Tages wurden auf den Wiesen drei ausgestorbene Insekten, ein Frosch und ein seltener Grashalm entdeckt, und seitdem prozessieren die Naturschützer, und das Land liegt brach.

Er schreckt nicht davor zurück, Tabuthemen mit einer jugendlichen Naivität und leicht schräggelegtem Kopf zu betrachten und setzt dabei schonungslos den Finger in so manch offene Gesellschaftswunde. So komisch, so traurig, so treffend, das man sich auch hin und wieder an die Gegenwartsphilosophen Calvin und Hobbes erinnert fühlt.

…allein mit der Vietnamesin in einem Raum fühle ich mich wie Hitler. Ich will ihr immer sofort das Staubtuch aus der Hand reißen und selber putzen.

Nur einen kleinen Pro-Forma-Negativpunkt habe ich als Randnotiz: Die beiden Protagonisten sind so cool, so lässig, so „angekommen“, dass man ihnen ihr zartes Alter von 14 Jahren nur schwer abnimmt. Gleichzeitig fragt man sich, warum man selbst damals so ein übersteuerter Hormonhaufen war und wird ein wenig neidisch auf diese wundervolle Zeit.

Auf ihrem Weg in die Walachei machen Tschick und Maik eine wichtige Entdeckung: dass der Mensch lange nicht so schlecht ist, wie allerorts gepredigt wird. Subtil beschämt liest man dann solche Sätze:

Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war. Da klingelt man nachts um Vier irgendwen aus dem Bett, weil man gar nichts von ihm will, und er ist superfreundlich und bietet auch noch seine Hilfe an. Auf so was sollte man in der Schule vielleicht auch mal hinweisen, damit man nicht völlig davon überrascht wird.

Und tatsächlich haben die beiden viele kuriose Begegnungen, die uns in Erinnerung rufen, dass auch wir in diesen Genuss kommen könnten – wenn wir es nur zulassen. Schließlich beschert eines dieser Aufeinandertreffen uns einen unvergesslichen

„Glaubt mir“, sagte er, „ihr schließt ein Mal die Augen und öffnet sie wieder, und welk hängt das Fleisch in Fetzen. Die Liebe, die Liebe! Carpe diem.“

Also, liebe Leute, lest das Buch! Es kostet nicht viel Zeit und ist sie hundertmal wert.

Mehr, mehr, mehr

2 Kommentare

Frau Erdnussbutter 5. September 2012 at 21:52

Für beides danke – auch Kritik ist immer willkommen. 😉

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Jane 5. September 2012 at 20:24

Endlich deinen Umzug auch bei mir linksmäßig aktualisiert – aber an dieses unruhige Design hier werd ich mich nie gewöhnen! ; ))

Dennoch les ich deine Rezensionen gern.

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