Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Viele besondere Sätze, viele Lachtränen, viele unvergessliche Lesemomente. Endlich ein Schwede, der sein Buch zwar auch mit Toten spickt, aber dabei auch witzig bleibt. Man sieht es wieder: Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Und Jonas Jonasson.

Als ich in diesem Buch die ersten Seiten las, war sofort klar: Das ist sie, meine zweiunfünfzigste Rezension und damit das Ende meines ersten Blogjahres. Schon vom ersten Satz an war ich verliebt. Verliebt in diesen charmanten und vor Leben sprühenden Hundertjährigen, verfallen der einfach-zauberhaften Sprache mit der Jonas Jonasson einen sofort einfängt.

Allan Karlsson steigt eines Tages in die Blumenrabatte und verschwindet, denn jetzt hat er wirklich genug. Da ist Schwester Alice, die mit harter Hand das Altenheim regiert und ihm wie allen Menschen, die einem guten Schnaps abgeneigt sind, nicht so recht geheuer ist. Außerdem will es mit dem Sterben auch nicht so recht klappen und schließlich war sein Leben so spannend, dass das gemächliche Verrotten an einem solchen Ort gar nicht erst in Frage kommt.

So macht sich unser Titelheld auf den Weg und das Abenteuer folgt diesem Glücksritter prompt auf den Fuß. Dabei spielen ein Koffer, randvoll mit 50 Millionen schwedischer Kronen, ein paar minderbemittelte schwedische Mafiosi, ein sympathischer Betrüger von jugendlichen 87 Jahren, die Elefantendame Sonja samt ihrer fluchenden Herrin und schließlich ein hoffnungslos verliebter (und enorm gebildeter) Imbissbudenbestitzer ihre tragenden Rollen.

Richtig rund wird die Geschichte mit dem Auftritt des vereinsamten Polizisten und des karrieregeilen Staatsanwalts – garantiert ist, es wird nicht einen Halbsatz lang langweilig.

Das (möglicherweise) letzte Abenteuer Allans ist gespickt von seiner rasant-interessanten Lebensgeschichte. Die Geschichte eines Mannes, der „reflexartig die Ohren zuklappt, wenn es um Politik geht“ und gerade deshalb mit Stalin Schnäpse trinkt, Oppenheimer auf die zündende Idee bringt und Einsteins minderbemittelten Bruder das Leben rettet. Nebenbei macht er sich für diverse amerikanische Präsidenten und Diktatoren aller Herren Länder unentbehrlich, überquert in einem Wimpernschlag den Himalaya, durchquert erst Nord- dann Südkorea und lässt es dabei an einem nicht fehlen: seinem geliebten Schnaps.

Nein, das ist nicht eine münchhausensche Fantasie, sondern die großartige Erzählkunst des Jonas Jonasson, voll weiser Sätze und einfacher Einsichten. Er spinnt eine Lebensgeschichte und eine abenteuerliche Flucht vor der Langweile, die so nur passieren kann, wenn man alles andere als plant. Ein Fakt, dass die schwedische Polizei ins Grübeln verfallen lässt – denn wo es keine Zusammenhänge gibt, kann man noch so fieberhaft suchen.

Jonasson fasst Allans Einstellung zur Politik in ein paar schlichte Sätze, hier einer davon:

Er hatte alles schon in seiner Jugend zu hören bekommen und es wollte ihm immer noch nicht in den Kopf, warum sich die Leute ständig wünschten, das alles genau umgekehrt sein sollte.

Und was soll ich sagen, dieser Allan ist einfach witzig! Was hab ich am italienischen Strand Tränen gelacht, ob der trockenen Sätze, die mir Seite für Seite begegneten:

Auch wenn er sich nicht der Meinung anschließen konnte, dass man manches besser spät als nie tun sollte. Sein Vater zum Beispiel hatte seine Liebe zu Zar Nikolaj ausgerechnet am Vorabend der Russischen Revolution entdeckt.

Mit einigen wenigen Worten faltet Allan-Jonas das ganze Weltgeschehen in ein lächerliches Bündel und man kratzt sich plötzlich den Kopf über soviel Klarheit:

Eine Witzfigur und ein Parasit (Anm. d. Eva: Mao Tse-tung), dachte Allan, im Kampf gegen einen Trottel und Versager mit der Intelligenz einer Kuh (Anm. d. E.: Chiang Kai-shek). Und zwischen ihnen eine Schlange die sich mit grünem Bananenlikör betrank (Anm. d. E.: Song Meiling).

Bei soviel wunderbarem Wortmaterial musste früher oder später einfach ein besonderer Satz fallen und für mich ist es schließlich die Erkenntnis Allans nach dem Erreisen einer ganzen Welt:

…nämlich, dass die größten und unmöglichsten aller Konflikte immer auf der selben Grundlage beruhten: ‚Du bist doof, nein, du bist doof, nein, du bist doof!‘ Die Lösung lag oft darin, dass man zusammen eine Flasche Schnaps leerte und nach vorne blickte.

Mir gefällt an diesem Buch ganz besonders, dass es das rechte Licht auf viele Dinge wirft, auch wenn es offensichtlich der Realität lediglich den berühmten Funken Wahrheit entwindet. Plötzlich fragt man sich, was für Probleme man eigentlich hat und ob es nicht einfacher ist, einen Schritt nach vorn in das Blumenbeet zu machen und weiterzugehen anstatt zu jammern.

So wie Jonasson uns hoffentlich noch mit weiteren Büchern beehren wird, werde auch ich nicht aufhören zu lesen und fleißig weiter rezensieren. So und jetzt einen Schnaps à la Allan auf meine geduldigen Leser und ein bisschen auch mich selbst. Prost!

Mehr, mehr, mehr

4 Kommentare

annanurse 9. August 2013 at 21:13

Vermutlich ‚Stapel ungelesener Bücher‘?

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Frau Erdnussbutter 23. September 2013 at 13:39

Das wird es wohl sein…. 🙂

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Steffi 13. April 2013 at 21:37

Eins steht fest, ich muss das herrliche Buch sofort aus meinem SuB ziehen und auf direktem Weg nach oben auf den Stapel befördern. Ich kann und will nicht länger darauf warten. =)

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Frau Erdnussbutter 16. April 2013 at 17:30

Jetzt musst du mir nur noch verraten, was SuB bedeutet. 🙂

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