Jasper Fforde: Im Brunnen der Manuskripte

Wieder beginnt ein neues Thursday-Next-Abenteuer – erst beschaulich und plötzlich kann man sich vor Action kaum mehr retten. Für alle Literaturfans ein Hochgenuss.

Ich habe ein kleines Problem mit Jasper Fforde: Zu Beginn eines jeden Romans muss ich mich immer erst viele Seiten hineinlesen. Es dauert jedes Mal ein ganzes Weilchen bis ich wieder an der Seite von Thursday Next durch Zeit und Raum reite. Ein Symptom, das ich bei mir auch von Terry Pratchett kenne und das mich jedes Mal gewaltig ärgert – vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen?

Doch eins ist sicher, am Ende hat sich der Ritt immer gelohnt (das ist wohl auch der Grund, warum ich es einfach nicht lassen kann).

Was ich an Thursday Next besonders liebe, ist die absolute Vormachtstellung als belesener Leser. Wer weiß, wo der Hammer in der Welt der Literatur hängt, bekommt viel mehr mit bei den subtilen Wortspielen und zahlreichen Andeutungen. Leider wird einem auch manchmal nur zu deutlich, dass man gerade etwas verpasst – aber leider nicht genau weiß, was.

Bevor ich zu all den schönen Dingen komme, die dieses Werk ausmachen, muss ich leider noch das ein oder andere Negativum loswerden. Zum einen war ich etwas angenervt von der „springenden Übersetzung“, manche Begriffe wurden übersetzt, manche nicht, ein System ist dahinter nicht zu erkennen. Gelegentlich springt es auch zwischen der deutschen und englischen Bedeutung, was mich ein wenig fuchsig machte.

Zum anderen fasse ich Thursday Next nicht so ganz. Dabei macht Jasper Fforde alles richtig, sie ist eine Figur, die eingebettet in komplexe Konflikte selbst sehr viel Tiefe zeigt und dazu noch von originellen Charakteren umrahmt wird. Ob ich mich mit weiblichen Charakteren grundsätzlich nicht so leicht identifizieren kann? Bei Artemis Fowls Holly Short fiel mir das auch nicht so leicht. Hier will ich aber anmerken, dass der Eindruck auch rein geschmäcklerisch ist. Bei Fforde lohnt es sich wirklich, sich ein eigenes Bild zu machen.

Denn auch dieser Fforde-Roman sprüht wieder vor originellen Einfällen wie der „Mispeling Vyrus“ (hallo, Übersetzung?!), der einem in Sekundenschnelle die schlimmsten Versprecher an den Hals hext. So klärt sich für mich auch der Verlust der bestimmten Artikel in der heutigen Jugend. Und wie immer verliert die Geschichte nie den Sinn für skurril-witzige Wortkomik.

Der besondere Satz:

Der Anführer war nur noch anhand seiner Zahnarztunterlagen zu identifizieren – warum er sie bei sich hatte, blieb ungeklärt.

Man errät es schon, dieser Virus macht Holly das Leben schwer, die immer noch dafür kämpft, die Nichtung ihres Mannes rückgängig zu machen und vor allem: ihn nicht zu vergessen. Eigentlich will sie sich im Brunnen der Manuskripte nur ihrem Mutterschaftsurlaub hingeben. Was könnte da besser sein als 26 Stockwerke, bis an den Rand vollgestopft mit entstehender Literatur. Eingeschleust in den wohl langweiligsten Krimi aller Zeiten, erwartet sie nicht mehr und nicht weniger als die totale Entspannung. Doch weit gefehlt, denn ein Mörder, der es vor allem auf Jurisfiktions-Agenten abgesehen hat, treibt sein Unwesen… Nicht zuletzt spielt das neue Autoren-Betriebssystem „UltraWord“ eine tragende Rolle und Thursday wird auf ihrer rasanten Reise wieder von großartigen Charakteren der Literaturgeschichte begleitet. Miss Havisham und Käpt’n Nemo sind nur zwei davon.

Wer sich Mrs. Next näher anschauen möchte, beginnt diese kurzweilige Unterhaltung am besten beim ersten Band.

Mehr, mehr, mehr

2 Kommentare

Frau Erdnussbutter 1. Oktober 2012 at 17:15

Ah wie schön, dass ich nicht alleine bin. 🙂 Das lag bei mir aber auch sicherlich daran, dass einige Zeit und viele andere Bücher dazwischen lagen, da muss man sich erst immer wieder von neuem auf diese Welt einlassen. Empfehlenswert finde ich sie trotzdem. 🙂

Antworten
Mila 1. Oktober 2012 at 11:45

Ach, als ich von deinem kleinen Problem gelesen habe, war ich gleich erleichterter. Ich lese nämlich gerade den ersten Band und habe auch seitenlang gebraucht, bis ich mitgehen konnte. Ich hab es mir so erklärt, dass es an der fremden Welt liegt, die ich mir erst erschließen musste, aber wenn es dir sogar bei späteren Bänden so geht, hm… LG Mila

Antworten

Schreibe einen Kommentar