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Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger. Life of Pi.


Posted on März 5th, by Frau Erdnussbutter in Abenteuer, Amerikanische Literatur, Rezension. No Comments

Grausam und gewitzt zugleich. Ein Buch, das man nicht eher aus der Hand legt, als bis man die letzte Seite erreicht hat.

Was schreibt man zu einem Buch, das gerade erst kürzlich durch seine Verfilmung die Kinokassen erbeben ließ und in allen Medien bereits von allen Seiten beäugt wurde? Zuerst einmal muss ich wohl ein Geständnis loswerden: Ja, ich habe das Buch erst nach dem Film gelesen. Und, ja, ich hatte zuvor nicht einmal den Hauch einer Ahnung von seiner Existenz.

In den Film musste ich fast gezerrt werden, denn der (völlig falsch inszenierte) Trailer hatte in mir böse Zweifel geschürt, einem Bollywoodklischeestück aufzulaufen, voller Airbrush-Technik und Fantasiegestalten, die sich halluzinogen am nächtlichen Ozeanhimmel auftürmen. Doch dann war ich angenehm überrascht, von einem amelieartigen Auftakt, einer spannenden Geschichte und einer interessanten Moral. So sehr, dass ich unbedingt das Buch lesen wollte.

Piscine nennt sich kurz Pi. Dieses “nennt sich” ist nicht eine Floskel, sondern bitterer Ernst – rezitiert er doch bei jeder Kassenvorstellung unendliche viele Nachkommastellen derselbigen Zahl, um seinen Mitschülern die Kurzform einzuhämmern. So klar die Vorstellungen von seiner Namensgebung sind, für eine Religion mag sich Pi nicht entscheiden. So ist er praktizierender Moslem, Buddhist und Christ und zieht aus allen Glaubensrichtungen nur das Beste.

Dies sind nur zwei von einigen charmanten Geschichten, die eine Erzählung einläuten, die so unglaublich ist, dass ihr soviel Leichtfüßigkeit kaum zugetraut wird.

Denn eines Tages findet sich der größer gewordene Pi, der sich nicht für eine Religion entscheiden kann und deshalb rundum das Beste aus allen Richtungen holt, auf den gefährlichen Wogen des Ozeans wieder. Hinter ihm sinken die Trümmer eines Frachters auf den Meeresboden, zusammen mit seiner Familie und all den hoffnungsvollen Träumen vom gelobten Kanada.

Doch Pi ist nicht allein. Auch eine Hyäne, ein Zebra und ein Orang-Utan, der auf einem Bananenbündel daherschwamm, sind mit an Bord. Nicht zu vergessen, der hungrige, bengalische Tiger. All zuviel darf nicht verraten werden, denn diese Erzählung lebt von ihren überraschenden Wendungen, dem fiebrigen Mithoffen mit dem allzu menschlichen Helden und dem erstaunlichen Ende.

Der besondere (Ab)Satz
“Die See lag still da, gebadet in ein scheues, leichtfüßiges Licht, ein Ballett aus Schwarz und Silber, das rund um mich wogte bis ins Unendliche. Unermesslich schien der Himmel und der Ozean unter mir. [..] Ich begriff, wie klein und unbedeutend mein Unglück war und ich verstummte.” 

Eingebettet ist die Geschichte in eine Rahmenhandlung, die den Autor zum glaubwürdigen Erzähler erhebt und Pi Patel zum Überlebenden mit der außergewöhnlichen Geschichte. Yann Martel erzählt von sich selbst als dem Autor in der Schaffenskrise, der zufällig bei der Sinn- und Inhaltssuche in Indien auf die Geschichte von Pi stößt. Zurück in Kanada kommt er mit ihm ins Gespräch und ist sofort im Bann der Erinnerungen des Schiffbrüchigen.

Nein, dieses Buch ist nicht perfekt. Es ist nicht die glatt geschliffene Fontaine-Fabel und es schwingt nicht die Moralkeule. Es kommt leichtfüßig, aber kraftvoll daher, erzählt traurig-komisch und von leiser, hoffnungsvoller Musik untermalt eine außergewöhnliche Geschichte. Die es zweitranging macht, ob sie nun genauso geschehen ist, geschehen sein könnte oder uns einfach nur den Wert des Lebens aufzeigt.





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