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Rosemarie Eichinger: Alles dreht sich


Posted on Februar 22nd, by Frau Erdnussbutter in Jugendbuch, Rezension. No Comments

Auf den ersten Blick ein Buch über Krebs. Doch dann ist da noch viel mehr. Tatsächlich nicht nur für Jugendliche.

Heute war für Rosemarie Eichinger sicherlich ein großer Tag. Der Tag, an dem ihr Buch zum ersten Mal gedruckt, in seiner haptisch schönsten Form, den Olymp des Autors erklomm: das Buchregal.

Schon vor ein paar Wochen durfte ich das fertige Werk zum ersten Mal in den Händen halten und muss zugeben, dass ich Zweifel hatte. Zweifel, ob ich wirklich noch im Jugendbuchalter bin. Oder ob ich deswegen überhaupt noch dazu fähig wäre, eine gerechte Kritik zu schreiben (und das, obwohl ich noch keine einzige Zeile gelesen hatte – tja, dumm, der Mensch).

Denn ich habe echten Respekt vor Jugendbuchautoren. Obwohl ich eigentlich objektiv noch weiß, was mich in diesen bewegten Jahren schwer beschäftigte und worüber ich mich alle naselang aufregen konnte – das Gefühl dafür ist jedoch unwiderbringlich verloren. Ehrlich gesagt bin ich sogar gottfroh darüber, den turbulenten Hormonzirkus endlich überwunden zu haben.

Darum gilt umso mehr: Wer sich in Jugendherzen schreibt und dabei auch noch Erwachsene anrührt, die zwar eine andere Sprache sprechen, aber durchaus noch die richtigen Saiten in sich tragen, die nur angeschlagen werden müssen – der kann was.*

So also, mit gemischten Gefühlen aber auch geschürten Erwartungen schlug ich die erste Seite auf. Ja, ich lese schnell, aber diese zweihundert Seiten habe ich förmlich aufgesaugt. Nicht einmal das grellbunte Cover konnte mich daran hindern, das Buch bei jeder Bahnfahrt zu zücken.

Die Autorin erzählt Lindas Geschichte, die erfährt, dass sie einen Tumor hat. Ihr Alter: zarte 15. Die Chancen: schlecht.

Während ihre Mutter die Diagnose noch zu verkraften sucht, trifft Linda im Krankenhauspark auf Max. Der magere Junge hat auch Krebs, das sagt er zumindest. In dem Strudel, in den sich Linda gerade betäubt gezogen fühlt, ist er doch ein rettender Ast. Denn Max rüttelt sie auf und erzählt ihr schließlich von der Liste. Die Liste ist das, was zählt.

Auf der Liste steht alles, was du in den letzten Tagen deines Lebens noch machen solltest. Max lässt nicht locker, er drängt und piesackt Linda und steht schließlich vor ihrer Tür. Es gibt kein Entkommen mehr und so entsteht die Liste.

Erst werden die Haare blau und dann wird es immer ernster. Linda möchte in Erinnerung bleiben, aufrütteln, etwas bewegen. Sie möchte länger als ihr Krebs andauern, die Lebenszeit mitnehmen, die ihr eigentlich zugestanden hätte.

Max bringt sie auf die Idee, den Aufstand gegen die Blindheit unserer Gesellschaft anzuzetteln. Und zwar nicht gegen eine Ungerechtigkeit, sondern gleich gegen alle. Öl, das in Federn festklebt, Plastik, dass Meere verschmutzt, Wasser, das für die Produktion billiger T-Shirts verschwendet wird, statt für den Bedarf der armen Näherin und ihrer Familie. Das Ziel ist klar: Aufmerksamkeit erregen um jeden Preis.

Und erstaunlicherweise gelingt es auch. Besonders dann, als Lindas beste Freundin Pia ins Spiel kommt. Pia komplettiert das Trio mit einer völlig anderen Komponente. Sie ist nicht Max, der nur vorgibt, Krebs zu haben, aber in Wahrheit an psychischen Dissonanzen leidet. Sie ist auch nicht Linda, die plötzlich den dringenden Wunsch hat, das Leben zu spüren, den Krebs zu vergessen und so ganz leicht eine andere Brille aufsetzt.

Pia steckt noch in ihrem völlig normalen Leben, dem Leben einer durchschnittlichen Fünfzehnjährigen, das auch Linda bis vor kurzem gelebt hat. Tage mit Shopping, Schminken und Schulklatsch. Wo der Blick bis zum Jungen aus der Nachbarklasse geht, nicht darüber hinaus bis an die zerfransten Ränder unserer heilen Welt.

Ein Wunsch der nicht zu verübeln ist und schlichtweg normal.

Die Erzählung wechselt ihre Erzählperspektiven zwischen Linda, Pia und Max, zeigt teilweise ganz unterschiedliche Sichtweisen derselben Ereignisse. Doch der Hauptstrang bleibt sicher in den Händen der Protagonistin. Unerbittlich dreht er sich einem Ende entgegen, man erfährt jedoch nie, wie die Geschichte ausgeht. Doch das ist auch nicht wichtig, denn nicht der Krebs ist wichtigster Nebendarsteller, sondern das Aufwachen aus dem blinden Alltagstrott. Dabei bleibt das Buch erstaunlich leicht.

Natürlich sind die Aktionen klein und in unserer schnelllebigen Gesellschaft irgendwann vergessen, doch für diese Drei beginnt die Welt sich zu drehen. Schließlich sagt Pia etwas zu Linda, das den Kern trifft:

„Im Grunde reicht doch eine Person, die sich deinetwegen verändert. Nicht wahr?”

Die Eltern sind dabei nur Statisten, die den rebellischen Aufstand traurig beobachten, auch ein wenig Stolz durchblicken lassen, aber doch von einer fernen Warte versuchen, selbst mit der ausweglosen Zukunft fertig zu werden. 

Da fragt und wundert man sich: Kann eine Fünfzehnjährige denn schon im Alltagstrott verhaftet sein? Wenn sie es ist, wie ist das dann bei uns, die wir doppelt so alt sind? Haben wir den Blick für das Wesentliche schon längst verloren?

Abschließend: Ein wunderbares Buch. Klar und schlich geschrieben und gar nicht „doof“, ein Wort das mir bei manchen Jugendbüchern nur zu schnell einfällt. Es ist kurz, es ist traurig und doch hoffnungsvoll. Es bringt zum Nachdenken.

Dankeschön, Frau Eichinger!

 

*Man entschuldige bitte den grauenhaften Schachtelsatz (zu viel Proust gerade).

 





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