Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

Kurz, schmerzhaft, erschütternd. Ein halbfiktiver Briefroman, der hauptsächlich zwischen den Zeilen geschrieben ist.

Dieses Büchlein wurde mir als weiterer Auswuchs der Bücherschenkaktion zum Tag des Buches in die Hand gedrückt – ich in absoluter Unkenntnis über Autorin und Titel und dementsprechend unvorbereitet auf das Kommende. Wie ich wusste, waren ein Großteil der anderen Exemplare an eine Schulklasse gegangen und das gab mir schon zu denken. Welches Buch aus dem Jahr 1938 kann Schüler von heute in den Bann ziehen – ohne dass der Lehrer mit einer das Halbjahreszeugnis gefährlich beeinflussenden Texterörterung droht?

Doch kaum hatte ich die ersten Seiten angelesen, ließ mich dieses schmale Bändchen nicht mehr los. Schlag auf Schlag folgt ein Brief auf den anderen, zwischen zwei Freunden, einem amerikanischen Juden und einem Deutschen, der gerade erst in seine Heimat zurückgekehrt ist.
Der anfänglich herzliche Ton der Freundschaft schlägt bald um, im Schatten von Hitlers Machtergreifung. Die beiden, die zuvor noch gemeinsam eine erfolgreiche Galerie in den USA betrieben hatten, wechseln bald auf eine andere Ebene, selbst in den geschäftlichen Briefwechseln klingt eine Nuance hindurch, die zutiefst erschüttert.
Martin, zuerst noch völlig frei von allen antisemitischen Gedanken wechselt erschreckend schnell das Politlager. Er versucht zunächst noch seine Ressentiments Max gegenüber zu entschuldigen, denn „er sei ja mit ihm nicht wegen, sondern trotz seiner jüdischen Abstammung mit ihm befreundet…“. Und bald ist der Standpunkt eingenommen, Martin kappt alle Verbindungen zu seinem besten Freund. Es sei für seinene gesellschaftlichen Aufstieg nicht mehr tragbar, mit einem Juden in Kontakt zu stehen.

Während die Beklemmung beim Leser steigt, ist auch Max erstarrt von dem Wandel seines Freundes und nimmt ihn mit allen freundschaftlichen Boni zunächst nur als gedankliche Verirrung oder gar unterdrückte Anpassung wahr. Doch als seine Schwester, Martins ehemalige Geliebte, von ihm in die Hände der Nazis gespielt wird, kann auch er die Augen nicht mehr verschließen. Überraschend wird das Opfer aus der Ferne zum Täter, mit Worten malträtiert er Martin bis dieser ihn anfleht, ein Ende zu finden. Doch Max kennt keine Gnade für den Verrat seines Freundes, erbarmungslos treibt er es bis auf die Spitze.
Ein letztes Mal triumphiert der Unterdrückte bevor das Unaussprechliche über die Welt hereinbricht.

Wer war diese Autorin, die schon 1938 das Böse weit vorausahnte? Man weiß nicht viel von Kressmann Taylor, selbst ihren Vornamen will die Werbetexterin nicht verraten, die nur noch einen weiteren Roman veröffentlichte und dann von der Bildfläche verschwand. Dieser Briefwechsel, der tatsächlich nur aus unkommentierten Briefen besteht, entfaltet zwischen den Zeilen eine so ungeheure Kraft, dass man es kaum glauben mag.

Über ein halbes Jahrhundert verschwand dieses kleine, so einfach gestaltete Meisterwerk in der Versenkung bis es Anfang der Neunziger wieder einen berechtigten Platz in der literarischen Öffentlichkeit fand.

Ach ja, Max, ich weiß, das wird Dir weh tun, aber Du musst der Wahrheit ins Gesicht schauen. Es gibt Bewegungen, die sind weit größer als die Männer, die sie tragen.

Mehr, mehr, mehr

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