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Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse


Posted on April 29th, by Frau Erdnussbutter in Biografie, Deutsche Literatur. 2 comments

Wolkenkrem und näpfchengute Wörter. Ein Buch voll Wortwunderlichkeiten über eine Welt, die in unserer liegt und ebenso gut Lichtjahre entfernt sein könnte.

In letzter Zeit bevölkerten meinen Nachttisch bevorzugt Bücher, die sich mit dem Menschen und seinem innersten Gewese auseinandersetzen. Mit psychischen Problemen, geistigen “Verrücktheiten” oder einfach anderen Wahrnehmungen der von uns als normal empfundenen Welt.

Manche davon werde ich rezensieren, manche nicht. Doch Axel Brauns Buntschatten und Fledermäuse ist eines der Bücher,  über die ich auf jeden Fall schreiben muss. Denn Axel bekleidet einen seltenen Rang. Er ist Autist und lässt uns an seiner Welt teilhaben – was per se fast nicht möglich scheint, denn Autisten zeichnet unter anderem aus, dass sie schwer darüber kommunizieren können, was in ihnen vorgeht. Doch Axel belehrt uns und seine Umgebung eines Besseren.

Seine Erzählung beginnt schon mit zwei Jahren, denn da “verloren die Menschen um ihn herum ihr Aussehen. Ihre Augen lösten sich in Luft auf. Nebel verschleierte ihre Gesichter. Die Stimmen verdunsteten. Meine Lippen ermüdeten. Kranke Wörter schleppten sich über meine Zunge. Die Silben verdorrten. Bald stammelte ich nur noch.”

Das Buch ist im Ganzen eine Aneinanderreihung von Erinnerungssplittern und in sich zusammenhängenden Szenen. Von seiner Kindheit bis zum Studium begleiten wir Axel auf seiner Reise durch ein ihm fremd bleibendes Universum.
Buntschatten und Fledermäuse sind die Menschen, wie er sie bis heute noch teilweise sieht. Verschwommene Gesichter, deren Gefühlsregungen und Mimik er selbst mit aller Mühe nicht erfassen kann. Buntschatten sind freundlich gesinnt, Fledermäuse nicht, mit ihrem Umhergeflatter machen sie es ihm schwer, sie zu begreifen.

Der Begriff “autistisch” fällt erst gegen Ende zum ersten Mal, bis dahin hat er noch keinen Bezug zu der Welt, in der Axel lebt. Doch seine Eltern sind von Anfang an bemüht, ihm ein normales Leben zu ermöglichen – ein Leben, das er trotzdem immer von einer anderen Warte sieht.

“Das Leben im Autismus ist eine miserable Vorbereitung auf das Leben in einer Welt ohne Autismus.”, schreibt er.

Sein Werk erzählt genau diesen täglichen Kampf mit den vielen, verwirrenden Besonderheiten unserer Gegenwart. So vieles, das uns normal erscheint, ist für Axel ein großes Rätsel, das oftmals nie gelöst wird. Gerade das macht Axel schwer zu schaffen. Nur in Ansätzen versteht er so mächtige Gefühle wie Liebe oder Trauer. Doch ganz begreift er sie nicht und das macht die Biographie auch irgendwie hoffnungsvoll-traurig.

Der besondere Satz
“Alle Herausforderungen meines Lebens hatte ich gemeistert, nur an einer Aufgabe war ich gescheitert: Gefühle kann man nicht auswendig lernen.”

Das Buch ist nicht ganz leicht zu lesen, doch zieht es einen schnell in seinen Bann aus wundervollen Wortkreationen, die zumindest bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Denn manche Begriffe eröffnen sich für Axel schlichtweg nicht, und so erfindet er neue dafür, zieht Vergleiche.

Was er nicht versteht, ist einfach “Geräusch”. Weil er Baiser so sehr liebt, wird “beseeartig” sein Wort für alles Schöne. Zwei-, drei- und vierfach gut sind besondere Erlebnisse. Er gerät in Verzückung als er feststellt, dass dieselbe Straße zwei Straßenschilder mit unterschiedlichen Schreibweisen hat. Axel liebt den Klang schöner Wörter, die geordnete Struktur der Zahlen. Der erste Witz, der er sich merken kann, handelt deshalb natürlich von Ziffern. Er hat ein feines Gespür für interessante Geräusche, wundervolle Haptiken. Eigentlich entführt uns Axel nicht in eine andere Welt, sondern zeigt uns auch, wie viel wir in unserer eigenen verpassen.

Ein Buch, das anrührt, nachdenklich macht und beim Lesen definitiv verändert.





2 Kommentare zu “Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse”

  1. karin köntges sagt:

    ich habe den Roman ” Tag der Jagd” gelesen, in knapp 24 Stunden. Die zeilen wirken schwierig, die schreienden Wortschöpfungen ungewohnt
    und doch
    passender kann eine so grausamer Tag mit allen Hintergründen nicht beschrieben werden
    kurz, knapp, bunt
    ich werde die Buntschatten noch lesen müssen

  2. Sehr geehrter Herr Brauns,
    ich habe Ihr Buch “Buntschatten und Fledermäuse” mit sehr großem, auch beruflichem, Interesse gelesen. Bevor ich zu mir komme, möchte ich einige Sätze aus dem Buch zitieren.
    “Meine Hände waren zwar nicht so taub wie meine Füße. Unter Druck und Hitze gewannen sie jedoch Gestalt. Ich presste meine Hände zwischen Heizflächen. Meine Hände strahlten vor Anwesenheit. Wie empfindet man Anwesenheit, wenn sie sich nicht nur in einem Fuß oder in einem Knie offenbart, sondern in einem selbst”. Nach einer Beinfraktur und Gipsversorgung schreiben Sie: “Der Gips gab mir Halt.”

    Ich heiße Christel Bokemeyer und bin von Beruf Physio-Bobathkindertherapeutin. Ich habe aus meiner Praxis heraus eine Therapie-Vakuummatte entwickelt, wie es sie so auf dem Markt noch nicht gab. Es war Zufall. Mattomunkulus® ist in luftdichtes Inlet, gefüllt mit Schaumstoffkügelchen. Mit einer Pumpe kann ich über ein eingebautes Ventil Luft herausziehen. Ich kann die Matte auf der, der Patient, zB, sitzt, individuell anpassen und anmodulieren. Ziehe ich mit der Pumpe die Luft heraus, ist die vorher weiche Matte fest und hart. Die Person ist wie “Eingegipst” und gibt dem Gesamtsystem Halt. Das Eingegipstsein” übt Druck auf die physische Struktur aus, beeinflusst, verändert die Selbstwahrnehmung und vermittelt dem Menschen eine veränderte Gestalt und Anwesenheit. Die Idee mit Hilfe einer Vakuummatte das Körpergefühl anzusprechen ist neu, ungewöhnlich, überraschend, ein bisschen verrückt und von mir gefunden.

    “Ich habe das Gefühl mehr ich zu sein.” Diesen Satz sagte ein Patient, 9 Jahre, Diagnose Asperger, nachdem sein ganzer Körper in Mattomunkulus® “eingegipst” war. Eine Patientin mit einer ausgeprägten Tetraspastik sagt: “Ich war total verblüfft, was für eine entspannende Wirkung das Liegen auf mich auslöste. Meine Beine, die ich sonst gar nicht richtig ausstrecken kann, wurden plötzlich locker und ziemlich gerade”.

    Vielleicht hätte Ihnen in Ihrer Kindheit die Behandlung in der Therapie-Vakuummatte Halt gegeben und zu Anwesenheit verholfen.

    Der Nutzen von Mattomunkulus® erschließt sich erst in der persönlichen Präsentation und Vorstellung. Die Therapiematte muss im wahrsten Sinn des Wortes BEGRIFFEN werden. Ich wünsche mir für meine Idee mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, auch wenn die Vakuummatte in unterschiedlichen Einrichtungen schon erfolgreich eingesetzt wird. Aus diesem Grund wende ich mich an Sie.

    Ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen Mattomunkulus® persönlich vorstellen dürfte.

    Mit freundlichem Gruß
    Christel Bokemeyer
    Hohe Furt
    Tel.: 04408/ 2972

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