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Matt Ruff: Ich und die anderen


Posted on April 23rd, by Frau Erdnussbutter in Amerikanische Literatur, Gegenwartsliteratur, Psychologie, Rezension. 1 Comment

Ein wahrhaft komplexes Thema in einer leicht wirkenden Verpackung. Einfach zu lesen, spannend bis zur letzten Seite, aber auch nervenaufreibend und zwischendurch erschreckend tragisch.

Nach dem Umblättern der Schlussseite musste ich erst einmal innehalten. Ich und die anderen ist kein Buch, das sich so einfach verdauen lässt. Es kommt in einer leichten, abgeklärten Sprache daher, ist klar verständlich, auch die komplexen Personengeflechte sind schnell begriffen – doch der gewichtige Inhalt beschäftigt gerade durch sein leichtfüßiges Auftreten.

Man kennt es von Filmen wie “Identität” oder “A beautiful mind”, dass die Geschichte von hinten aufgezogen wird: Mehrere Charaktere teilen sich die Bühne, am Ende wird jedoch klar, dass sie zu ein und derselben Person gehören. Doch hier ist es genau umgekehrt. Die ersten Seiten stellen sofort klar: Ich bin ein Multipler, so bin ich es geworden und so gehe ich mit meinen verschiedenen Persönlichkeiten um.

Trotzdem mangelt es nicht an Spannung. Denn Andy auf seinem Weg zu begleiten, nach und nach seine Geschichte zu erfahren und seine verschiedenen Persönlichkeiten kennenzulernen, ist, wie schon der Klappentext verrät “ein irrer Trip durch die menschliche Psyche”.

Andys Kindheit birgt so schreckliche Erlebnisse, dass sein Geist an den Rand des Wahnsinns getrieben wurde – ein Vorgang, den er mit dem Sterben vergleicht und der Geburt vieler einzelner Persönlichkeitssplitter. Andy hat nach einer Odyssee über viele Psychiatercouchen einen Weg gewählt, der dem Gedanken der Reintegration entgegensteht – dem Versuch, alle Persönlichkeiten wieder zu einer verschmelzen zu lassen.

Matt Ruff beschreibt die Lage des Protagonisten wunderbar bildhaft. Eine zersprungene Seele ist kein Scherbenhaufen aus statischen Teilen, die einfach wieder zusammen geklebt werden können. Nein, wie ein Rosenstrauch wächst jedes Stück für sich weiter, vielleicht auch verkrüppelt und beschädigt. Selbst der beste Gärtner würde am Ende nicht alle Pflanzen zu einer vereinen können, ohne dabei Teile zu vernichten.

Dann trifft Andy auf Dr. Grey, die ihm hilft, ein Haus, zu bauen, in dem (fast) alle Persönlichkeiten nebeneinander existieren können. Ein Kollektiv mit vielen Mitbewohnern, die unterschiedliche Ziele haben. Und einer, der die Verantwortung dafür trägt, wer wann den Körper übernehmen darf. Wie die Beschreibung schon erahnen lässt, fehlt es der Erzählung auch nicht an einer großen Portion Skurrilität und einem subtilen Witz. Allein schon durch die Darstellung eines psychischen Konflikts als Wohngemeinschaft werden reihenweise kuriose Situationen hervorgerufen.

Die vielen Persönlichkeiten sind tatsächlich so eigen und verschiedene in ihren Charakterzügen, dass sie einem schon schnell, ob schrullig, ruppig, verstört oder kindlich, ans Herz wachsen.

“Ich aß mich satt und räumte dann den Körper für die übrigen Seelen, die ihrerseits nacheinander Mrs. Winslow begrüßten.”

Doch das ist nicht genug. Denn recht bald kommt Penny Driver ins Spiel. Sie ist auch multipel, aber im Gegensatz zu Andy instabil, denn sie kann ihre Situation nicht benennen und folglich auch nicht damit umgehen. Hier beginnt die große Unruhe, die Andys mühsam geordnetes Leben durcheinander bringt – und mit dem Wechselspiel zwischen den Andys und Pennys und einigen weiteren Personen beginnt auch die eigentliche Geschichte.

Der besondere Satz

“Die Erinnerung macht den Unterschied aus. Es gibt Tatsachen, die jedem bekannt sind, aber Erinnerungen – und die Gefühle, die sie auslösen – gehören ausschließlich der einzelnen Seele.”

Beim Lesen stand mir innerlich tatsächlich einige Male der Mund offen. Denn natürlich hat man eine grob umrissene Ahnung davon, was eine Multiple Persönlichkeitsstörung ist, aber erst beim Lesen von Ruff wurde mir selbst langsam klar, was es eigentlich bedeuten muss, nicht nur ein paar, sondern gleich zig bis hunderte Persönlichkeiten zu haben – einige davon sogar nur für einzelne Ereignisse, die die Psyche nicht verarbeiten kann. Langsam kristallisierte sich auch die Erkenntnis heraus, dass wir wohl alle so unterschiedliche Züge in uns tragen, die uns gelegentlich scheinbar völlig unvorhersehbar handeln lassen.

Wie wissenschaftlich Ruffs Beschreibung ist, vermag ich nicht zu sagen, doch das Werk hat eine unglaubliche erzählerische Kraft, so dass man ihm jede Aussage für bare Münze abnimmt.

Ich und die anderen ist für mich ein Erstling unter Ruffs Werken und ich bin wirklich froh darüber, durch ein Geschenk direkt mit der Nase darauf gestoßen worden zu sein. Eine spannendere Lektüre hätte ich mir für zwei ewig lange Bahnfahrten tatsächlich nicht wünschen können.





Ein Kommentar zu “Matt Ruff: Ich und die anderen”

  1. Steffi sagt:

    Dein Satz “Eine zersprungene Seele ist kein Scherbenhaufen aus statischen Teilen, die einfach wieder zusammen geklebt werden können.” hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Ja, da hast du wohl recht. Du machst mich neugierig auf das Buch, welches auf den ersten Blick wirklich einen sehr lockeren und leicht zu bewältigenden Eindruck macht. An deinen Rezis gefält mir der besondere Satz ganz gut. Ich bewundere dich, denn bei so vielen guten Zitaten eines Buches fällt es mir oft sehr schwer, mich für einen einzigen zu entscheiden. =)

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