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Werner Lorke: BUNKERbiotop


Posted on Juli 2nd, by Frau Erdnussbutter in Deutsche Literatur, Fotografie, Sachbuch, Zweiter Weltkrieg. No Comments

Morbide und faszinierend zugleich. Ein erstaunlich echter Blick unter die Oberfläche von Stuttgart.

Manchmal komme ich in den unverhofften Genuss, auf ein Buch zu stoßen, das im ordinären Lesealltag nie meinen Weg gekreuzt hätte. So auch BUNKERbiotop aus dem Programm des kleinen Stuttgarter Verlags edition esefeld & traub, das unverhofft seinen Weg in meinen Briefkasten fand.

Darin geht es um Schimmel, ja, das Auge täuscht nicht, Schimmel. Dieser außerordentliche Protagonist hat sich an einer noch ungewöhnlicheren Stelle breitgemacht: unter den Füßen der vielbeschäftigten Stuttgarter, die tagtäglich über den städtischen Marktplatz huschen. Längst vergessen, liegt dort ein “Un-Ort”, wie es in BUNKERbiotop so schön beschrieben wird. Ein Bunker, in dem außer dem Schimmel, nur Tod und Verderben haust. Also gut, das klingt nun wirklich dramatisch, wir lauschen schließlich gerade keiner John-Sinclair-Kassette. Und doch, so spannend ist es tatsächlich trotzdem. Obwohl alles dort unten fernab jeder Zeitrechnung zu existieren scheint, findet eine stetige Veränderung durch den Schimmel statt. Irgendetwas lebt da unten.

Zwei selbsternannte Abenteurer, Architekt und Physiker/Fotograf ihres Zeichens, haben sich in die Untiefen aufgemacht und buchstäblich Licht ins Dunkle gebracht. Der erzählerische Streifgang begleitet mit Makro- und Großaufnahmen, durchbrochen von gut aufbereiteten Fakten in zwei Sprachen. So erfährt man, dass der Bunker nicht nur als Fluchtort, sondern später auch als Unterkunft für Reisende diente, als Hotel am Marktplatz.
Nebenbei nimmt einen das Werk auch mit auf einen Exkurs durch Deutschlands Geschichte. Wie und warum Bunker entstanden, wie aus ihnen Hotels wurden. Die Zeitreise durch die Tapetenschichten kommt dem schrittweisen Häuten einer Zwiebel gleich. Und natürlich bekommt auch der Hauptdarsteller mit all seinen Vertretern einen Ehrenplatz im Zentrum der etwas anderen Erzählung.

Stellenweise liest sich der Band wie eine wissenschaftliche Arbeit  und doch lässt es einen nicht los, man kann nicht aufhören weiter zu lesen. Vielleicht gerade, weil man solches nicht so häufig lesen würde.

Am liebsten sind mir jedoch die Bildstrecken, die, gerade wenn man ständig vogueglanzartige Fotoreihen vor Augen hat, zu einer ungewöhnlichen Erholungsreise für die Augen werden. Spontan fällt mir das Verb schwelgen  dazu ein. Fröhliche Muster sind auf einmal mit einer anderen Lebendigkeit bedeckt. Es ist zum Gruseln und trotzdem wunderschön.

 

 

Auf einmal nimmt der Marktplatz mit seinem Rathaus, das für mich eine Ode an die Hässlichkeit zu sein scheint, unter meinen Füßen andere Formen an. Jeder Schritt, den ich darüber gehe, verhallt weiter unten ungehört zwischen schimmelüberzogenen Wänden. Jeder Schritt lässt ein Stück Geschichte hinter sich. Richtig abgefahren ist das.

Danke für möglicherweise mir unnützem, aber doch sehr interessantem Wissen. Danke, dass ich noch einmal etwas an Stuttgart entdecken durfte. Damit hätte ich, ehrlich gesagt, nicht mehr gerechnet.

Und nicht zuletzt: Danke auch, dass ich das Wort ubiquitär endlich einmal wieder gedruckt lesen durfte.





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