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Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah


Posted on September 30th, by Frau Erdnussbutter in Amerikanische Literatur, Drama, Gegenwartsliteratur. 3 comments

Wer zwischendurch in ein leichtes Buch hineinschmökern möchte, sollte dieses schleunigst zuklappen und lieber Tommy Jaud lesen. Wer Tragik und Komödie recht undramatisch, aber wunderschön vereint verträgt, den Kopf auf Neues konzentrieren mag und Philosophie in ihrer schönsten Form liebt, loslesen.

Nun habe ich es endlich gelesen, mein (und auch sein) zweites Buch von Jonathan Safran Foer. Nach “Alles ist erleuchtet” machte ich mich auch wieder auf ein interessantes, brillantes Werk gefasst. Ich wurde nicht enttäuscht.

Auch diesmal verknüpft Foer eine gedankliche Reise mit einer tatsächlichen, physischen Suche, verflicht beides zu einem nachdenklichen, traurigschönen Wörterwerk.

Der Halbwaise Oskar ist auf der Suche. Ein Thema, das sich wie ein Faden durch das Buch und New York zieht. Zwischen all den Dingen, die sein Vater nach seinem Tod hinterließ, befand sich auch eine blaue Vase, in ihrem Inneren ein Schlüssel. Wohin dieser Schlüssel passt, möchte Oskar nun wissen. Und begibt sich auf die schier unmögliche Suche nach dem zugehörigen Schloss.

Einem Hinweis schließlich kann er folgen: Auf dem Briefumschlag, der den Schlüssel beherbergte, steht schlicht und einfach Black. 472 Blacks gibt es in New York und Oskar gedenkt, sie alle zu besuchen.

Er ist ein seltsames Kind. Nicht zuletzt, weil sich sein Vater zum schlechtesten Zeitpunkt im World Trade Center befand. Auch weil er von dort anrief und Oskar seine letzten Mailbox-Nachrichten wie einen Schatz hütet und sich gleichzeitig vor ihnen fürchtet. Weil Oskar sich seiner Mutter verpflichtet fühlt und ihr deshalb nichts davon erzählen kann. Weil Oskar sich als Hüter des Schmerzes sieht und auch seine Oma davor schützen möchte.

Doch ist Oskar ganz anders als derjenige aus der Blechtrommel, an den er mich mit seiner Intelligenz und unerschöpflichen Fantasie hin und wieder erinnert, den ich aber, im Gegensatz zu diesem Protagonisten, so gar nicht leiden mag.

Denn dieser kleine Junge mag manchmal nervtötend altklug sein, doch er hat ein großes Herz. So groß, dass er versucht, viele der Blacks, denen er fortan begegnet, in sein Herz aufzunehmen. Die Suche ist weit mehr als ein Klinkenputzen. Vielmehr räumt unser kleiner Schlüsselträger an vielen Stellen und in vielen Leben auf.

Ich wiederhole, Oskar ist ein seltsames Kind. Er schreibt Briefe an Stephen Hawking und anderen Bewegern unserer Zeit und bekommt sogar eine Antwort darauf:

“Wahrscheinlich brauche ich dir nicht erst zu sagen, dass der überwiegende Teil des Universums aus dunkler Materie besteht. Das fragile Gleichgewicht beruht auf Dingen, de wir niemals sehen, hören, riechen, schmecken oder berühren können. Das Leben selbst beruht darauf. Was ist wirklich? Was ist nicht wirklich? Vielleicht sind das nicht die richtigen Fragen. Worauf beruht das Leben?
Ich wünschte, ich hätte Dinge hervorgebracht, auf denen das Leben beruht.
Und wenn du nie aufhören würdest, die Sachen auszudenken?
Vielleicht denkst du dir gar nichts aus.”

Doch Oskar denkt sich eine Menge, ob aus oder nicht. Davon handelt auch dieses Buch. Von verschiedenen Gedankenwelten und -konstrukten, die miteinander auf verwunderliche Weise verflochten sind.

Dazu gehören auch die von anderen Menschen, die Oskar wissentlich oder unwissentlich verbunden sind. Ein Motiv, das sich auch in Foers anderem Werk findet. So erfährt man mehr über die leidvolle Geschichte der Großmutter, die vom Großvater schwanger verlassen wurde. Seine Geschichte selbst, als er plötzlich wieder auftaucht. Auch die Perspektive der Mutter wird erleuchtet und nicht zuletzt die der vielen Statisten bei Oskars Suche.

Wie Jan Brandt liebt es Foer mit dem Medium Buch zu spielen. Er lässt die Typographie verschwindend klein werden, sich unleserlich überlappen, gibt einzelnen Wörtern ganze Seiten Raum, spricht mit Bildern und leeren Stellen.

Auf den ersten Blick stieß es mir als zu viel unnötiges Gehabe auf, doch mit der Zeit gliedert sich alles in eine sinnige Dramaturgie ein.

Ein schönes Buch mit mehr als nur einem besonderen Satz:

“…mein Herz zerbrach in mehr Teile als die, aus denen es bestand, warum können die Menschen nicht rechtzeitig aussprechen, was sie denken?”





3 Kommentare zu “Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah”

  1. Carolin sagt:

    Tolle Rezension hier!
    Ausführlich und das Buch spricht mich echt an :)

    Danke für den Artikel!
    Ganz liebe Grüße

  2. Steffi sagt:

    Ich habe dieses Buch schon viel zu lange auf meinem SuB liegen und ich weiß, dass ich es ganz bald unbedingt lesen muss. Mittlerweile gab es sogar schon die Verfilmung zu sehn, die ich mir unbedingt aufsparen will, bis ich das Buch gelesen habe. Schöne Rezi, vlg Steffi

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