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Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte


Posted on März 2nd, by Frau Erdnussbutter in Drama, Gegenwartsliteratur, Japanische Literatur, Liebesgeschichte, Poesie. 2 comments

Eine lange Novelle, die auch heute noch Gegenwarts- oder sagen wir Zeitlosliteratur ist. Für alle, die in Murakamis Wurzeln schwelgen möchten.

Gefährliche Geliebte durfte ich glücklicherweise in einer der schönsten Gegenden unserer Erde lesen. In die Szenerie von Palmenrauschen, Sonnenuntergang und Meeresduft hat dieses leichte, galante Werk ein kleines besonderes Etwas gebracht.

Das ganze Buch ist wie eine lang währende Kurzgeschichte, ein schattenhafter Schemen im Leben des Protagonisten, der in eine entscheidende, bedeutungsvolle Wende mündet.
Hajime hat schon in frühen Jahren eine schicksalhafte Begegnung in Gestalt eines hinkenden Mädchens. Shimamoto wird seine Kindheitsfreundin mit der ihn ein schwer fassbares Band verbindet. Eine Freundschaft, die nach seinem Umzug an einer unbarmherzigen Entfernung zerbricht.
Hajimes Leben nimmt seinen eigenen Gang, vorbei an ersten Liebschaften über eine halbherzige Ehe hin zu einer erfolgreichen Selbständigkeit als Barbesitzer. Diesen Schauplatz, untermalt von Ellingtons Star-crossed Lovers betritt Shimamato, aufrecht gehend und wunderschön. Wie zu erwarten, gerät damit Hajimes Leben aus den Fugen.

Eine Handlung, die eigentlich keine besondere ist. Doch was das Buch zu etwas besonderem macht, ist nicht der Inhalt, sondern die Weise, wie er Form annimmt. Dabei schwelgt Murakami nicht unbedingt in einer unerträglichen Blumigkeit, sondern zelebriert vielmehr eine minimalistische Art der Beschreibung. Nur bestimmte Facetten fasst er in Worte, andere bleiben für den Leser immer im Dunkeln. Das Aussehen, die Statur spielen kaum eine Rolle. Vielleicht ist es das, was Murakamis Prosa eine gewisse Zeitlosigkeit verpasst.

Mein zweiter Murakami hat zum einen bestätigt, was mir oft zu ihm gesagt wurde, und zum anderen ebendies wiederlegt. Nein, kein Murakami ist wie der andere, aber sein Stil ist so stark und prägnant, das man das durchaus denken könnte. So hat mich Gefährliche Geliebte stellenweise auch an Kafka am Strand erinnert.

Ein Buch jedenfalls, dass die Kraft zu polarisieren hat. Immerhin war es eine Sollbruchstelle für das Literarische Quartett. Einige Meinungen gehen dahin, dass es mit der neuen Übersetzung ins Deutsche niemals so weit gekommen wäre, dass Reich-Ranicki und Löffler sich die Wortruten um die Ohren gehauen hatten. Ich jedenfalls habe so einiges in den Zeilen gefunden, das mir gefiel.

Zum Beispiel Murakamis Talent Sprache in etwas Graziöses zu verwandeln – selbst verbunden mit unprätentiösen Alltagsbeobachtungen.

“Ein Vogel zu sein, dachte ich, muss herrlich sind. Vögel haben nichts anderes zu tun, als am Himmel zu fliegen. Mit Empfängnisverhütung brauchen sie sich nicht zu befassen.”

Haruki ist nicht nur ein wundervoller Wortemaler. Während man sie liest, verändern sie einen. Als würde plötzlich eine andere Saite in einem angeschlagen werden, auf einmal erscheinen manche Dinge in einem klaren Licht. Und ich werde dabei unerträglich poetisch.

“Ich setzte mich und schloss die Augen. Der Nachhall von Musik verblasse, ließ mich allein zurück. In diese milde Dunkelheit fiel weiter lautlos der Regen.”

Der genau beobachtete besondere Satz:

“Eine ‘Zeitlang’ ist eine Einheit, mit der niemand rechnen kann. Zumindest niemand, der wartet.”

Beim Lesen fragte ich mich gelegentlich: Ist das nun Kitsch, Kunst… oder einfach atemraubend schöne Literatur? Verbirgt sich unter scheinbaren Plattitüden schwere Tiefe? Oder lese ich das nur hinein? Eine Antwort dazu habe ich noch nicht gefunden. Ich hoffe nur, dass ich bald wieder zu einer neuen Murakami-Untersuchung komme.





2 Kommentare zu “Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte”

  1. März sagt:

    Die neue Übersetzung wird seiner Sprache noch um weites gerechter, da sie vom Japanischen ins Deutsche (und nicht von der englischen Übersetzung) übersetzt wurde. Auch der Titel (Südlich der Grenze, westlich der Sonne) entspricht in seiner Poesie doch mehr als die Banalität von Gefährliche Geliebte.

    Das Buch hat mich ebenso fasziniert, fand aber Kafka am Strand besser!
    Einen wie Murakami liest man nur selten.

  2. Steeffi sagt:

    “Gefährliche Geliebte” war mein erstes Murakami Buch und ich fand es wirklich unglaublich toll. Murakamis Stil ist nicht einfach zu lesen, aber fesselnd. Nicht immer war ich mir sicher, ob ich seine Gedanken richtig verstanden habe. Eine ziemliche Herausforderung!

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