Irène Némirovsky: Der Ball

Süß-bitter erzählt Irène Némirovsky von den Untiefen zwischen Mutter und Tochter. Verpackt als stichelnde Milieubeobachtung im Paris der 30er Jahre. 

Dann schickte sie ihre Tochter hinaus, indem sie mit ihrem schönen, nackten, etwas dick gewordenen Arm wedelte, an dem das Diamantarmband glitzerte, das sie gerade von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte und nur zum Baden ablegte.

So und mit diesem besonderen Satz habe ich jetzt fast das ganze Buch abgeschrieben. Besonders dick ist es nicht, aber das kleine Werk spricht Bände. Es lässt tief blicken in die verbitterten Abgründe der Emporkömmlinge.

Antoinette ist die 14-jährige Tochter von Madame Kampf, die dank einer glücklichen Schicksalswende plötzlich zu einer reichen Ehefrau wird. Doch zwischen den beiden schwelt der altbekannte Streit zwischen Mutter und Tochter in diesen Jahren. Die Mutter sieht die junge Dame noch als kleines Kind, in diesem Fall als kleines, eher unnützes Anhängsel wenn es um das Hinaufklettern der Belle Bourgeoisie geht. Die Tochter will viel mehr und träumt von der Welt der Reichen und Schönen, die ihr noch verwehrt bleibt.

Nichts wünscht sie sich mehr als auf den Ball gehen zu dürfen, den Madame Kampf bis in das dekadenteste Detail plant. Ihr Gesellschaftsdebüt soll es werden und in dieser strahlenden Zukunft hat die ungelenke, junge Antoinette noch keinen Platz.

Ein tiefer Groll tut sich auf und die Verschmähte sinnt auf Rache..
Gnadenlos und nüchtern, genau und sezierend legt die Erzählung jede Schwäche bloß. Nichts daran ist zart, sondern in seiner Kürze kantig und fast spröde.

Man ahnt, worauf es hinausläuft, doch das kommt der Spannungskurve nur zugute, an deren Ende Antoinette grausam auf die zerstörte Mutter herabblickend, erfolgreich aus dem Kampf hervorgeht.

 Irène schreibt darüber, was sie kennt, schon immer eine Erfolgszutat für gelungene Literatur. Selbst als Bankierstochter, die, typisch für das Russland des Jahrhundertanfangs, ihre Bildung aus Paris bezog. Aber nicht nur die Sicht der Tochter, auch die der Mutter erlebte sie aus eigenem Leib – selbst zur Bankiersfrau geworden und dazu zweifache Mutter.

Das und 90 Seiten geballte Erzählkunst machen dieses kleine Buch zu einem ironischen Lesevergnügen.

Mehr, mehr, mehr

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