Maxim Gorki: Die Mutter

Platons Höhlengleichnis trifft auf den Sozialismus.

Diesmal musste meine Wahl auf die zweite Reihe in meinem überquellenden Bücherregal fallen. Lange habe ich mit Zeitgeist und Future Thinking beschäftigt und jetzt musste wieder einmal die Balance her. Die Mutter von Maxim Gorki also. Zerfleddert, durch irgendein Kölner Antiquariat nach 60 Jahren wieder ins Leben geworfen, lies mich dieser schmale, angegilbte Band die letzten Tage nicht mehr los.

Sozialistischer Realismus nennt sich das, wofür Gorki mit diesem Werk den Grundstein gelegt hat. Im weitesten Sinne wurde damit in den 1930ern eine Erzählform bezeichnet, die mehr der Er- und Aufklärung diente als der eloquenten Unterhaltung. Sprich, wer hier den typischen Russen mit schnörkeliger, melancholisch-magischer und tieftraurig-poetischer Schreibe erwartet, wird lange warten. Sprachlich hat Gorki hier auf jeden Fall keinen Meilenstein gesetzt. Inhaltlich jedoch schon.

Er beschreibt an einer simpel aufgebauten Geschichte den proletarischen Kampf in Russland. Protagonistin ist die Arbeitermutter Pelageja Wlassowa, deren Sohn schrittweise zum Revolutionär wird. Die Idee dazu hatte Gorki als er 1902 Zeuge der brutalen Niederschlagung einer Maidemonstration wurde. Mit Hilfe von Augenzeugen sammelte er Material, um anschaulich über die Auflehnung gegen die Zarenherrschaft zu berichten.

Doch viel weniger geht es um ihn und seine agitatorischen Freunde, als vielmehr um sie, die nach dem plötzlichen Tod ihres brutalen Mannes aus jahrzehntelanger Schockstarre erwacht. Jetzt knappe 40 Jahre alt, keimt in ihr bald wieder die zarte Intellektualität und Wissbegierde ihrer frühen Zwanziger auf. Ihr Sohn trägt einen nicht unwesentlichen Part dazu bei, dass ihr eingefrorener, verbitterter, trauriger und geschlagener Geist sich langsam wieder bewegt und noch weit darüber hinauswächst.

Bei einer Mutter reichen die Tränen für alles… für alles!

So kommt sie wie in Platons Höhlengleichnis aus der hintersten, finsteren Ecke hervorgekrochen um irgendwann in das Licht der Reflektion und des wachen Geistes zu treten. Nicht nur ihr Sohn ist es, der sie heraustreibt, sondern auch die Literatur und das Lesen, das sie jetzt erst mühsam erlernt. Aus der einfachen Dulderin wird über Seiten hinweg eine geschätzte, antreibende Matriarchin, die neben ihrem leiblichen Sohn weitere Kinder um sich schart und so deren und ihrem Leben einen neuen Sinn verleiht. Selbst ihr Weltbild verändert sich – von Passivität hin zu selbstbewusster Aktivität, die sie selbst zu einem Part der Revolution macht.

Meine Seele ist wie vernagelt, sie ist blind und taub.

Gerade deshalb gefällt mir, neben der politischen Handlung, das Erwachen der kleinen Frau zu einem selbstbewussten Geist enorm. Darin steckt aus meiner Sicht mehr Modernität als so viele zeitgenössische Werke heute in sich tragen. Eine so simple, einfache, eigentlich unspannende und doch starke Frau ist für damalige Verhältnisse selten in der Literatur zu finden. Diese Entwicklung ist für mich das eigentlich Spannende in diesem Werk – viel besser als als die Managerinnen-Werke, die einem feministische Mantras vorbeten. Und es finden sich ein paar Themen wieder, die Frauen noch heute bewegen.

Ihr Herz war noch betäubt von süßer Freude, sie war wie berauscht, aber schon regte sich etwas wie Sparsamkeit und Vorsicht. In ihrer Seele war zu viel Schönes und sie wünschte, die erste, große Freude ihres Lebens möge gleich und für immer so stark und lebhaft, wie sie gekommen, in ihrem Herzen erhalten bleiben.

Das darf natürlich nicht fehlen: Rot als symbolische Farbe ist nicht zu übersehen und findet sich alle paar Zeilen wieder, ob auf Fahnen, Bällen oder rot angelaufenen Gesichtern der Soldaten. Und was mich immer wieder bei den Russen zum Schmunzeln bringt, ist auch hier wiederzufinden: Eingangs das obligatorische Personenregister, das einem in einem scheinbar willkürlich anwachsenden Personengeflecht den Überblick verschafft. Und die ständigen Vergleiche von Menschen mit irgendeinem Gemüse („Ich bin weich wie eine gekochte Rübe“ oder um es mit Tolstoi zu sagen: “Dank gymnastischer Übungen und einer systematischen Körperpflege verfügte er über so bemerkenswerte Kräfte, dass er trotz erheblicher Ausschweifungen frisch blieb wie eine große, grünglänzende holländische Gurke.”).

Und schließlich endet Gorki mit einem Paukenschlag und natürlich: Revolutionärem Realismus.

Eine Seele, die auferstanden ist, kann man nicht töten.

Sozialistischer Realismus hin oder her, zu ein paar wunderschönen, poetischen Sätzen hat sich Gorki dann doch hinreißen lassen:

In ihrem Herzen war es warm, still und versponnen, wie in einem kleinen, alten Garten aus einem Sommerabend.

 

 

 

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