William Boyd: Eines Menschen Herz.

Oh boy! Plötzlich sehe ich ihn überall.

Ein Schritt in die Buchhandlung und schon strahlt William Boyd mich aus jeder Ecke an. Seltsam, dieser Mann hat so einiges produziert und trotzdem stand eine noch vollkommen leere Synapse bereit, als ich ihn vor einigen Wochen vom Wühltisch holte.

Eines Menschen Herz nun, ist also meine erste Erfahrung mit diesem schottischen Autor.

William Boyd schlüpft in die Rolle des Logan Mountstuart und erzählt durch seine Tagebücher ein ganzes Leben. Schon auf den ersten Seiten war auch ich mittendrin im Leben des 17-jährigen Logan, der sich gerade seinen Platz in der Welt mit Mutproben und Mädcheneroberungen suchte.

Er möchte Schriftsteller sein und nach einem mittelmäßigen Studium in Oxford, in dem er sich mehr mit einer Shelley-Biografie beschäftigt als mit seinen Vorlesungen, geht der Weg stetig nach oben. Exzesse mit James Joyce, Ernest Hemingway und skurrile Begegnungen mit Picasso säumen seinen Weg zum hochgelobten Literaten. Er wird zum Kriegskorrespondenten, erlebt erhebende Momente und niederschmetternde Lieben. Er lernt die Frau seines Lebens kennen. Nichts kann Logan Mountstuart mehr aufhalten.

Als er in Kriegsgefangenschaft gerät und für tot gehalten wird, bricht sein Glück. Er kommt zurück und nichts ist mehr, so wie es war.
Jetzt folgten die Kapitel die mich erst von der anfänglichen Begeisterung zurücktreten ließen. Ein tief depressiver, verarmter Erzähler, der ruhelos durch sein Leben wandert. Fast zuviel. Bis sich Logan ein letztes Mal aufrafft und ein neues Leben in Frankreich beginnt.

Da hatte er mich wieder und ließ mich die letzte Seite mit einem warmen Gefühl wie bei Siddharta lesen.

Der Kauf also: eine gute Entscheidung. In Boyds Roman trifft ein wenig von allem aufeinander, ohne dass es absurd wird: Abenteuerroman, Novelle, Entwicklungsroman, Künstlerleben und harte Prosa.

Von allem ein bisschen, von vielem genug. Gerne hätte ich die Zeit verlängert, in der er in unverfälschtem Glück mit Freya und seiner Tochter Stella schwelgte. Aber so ist das im Leben, man kann sich die Tonart oft nicht heraussuchen.

Erst der arrogante, selbstüberzeugte Schnösel, dann der in einer eleganten Welt verlorene Mensch. Logan wächst einem in seiner schroffen Art zu berichten, irgendwie ans Herz, auch wenn man ihn zeitweise den Hasen geben möchte.

Boyds Technik, eine fiktive Autobiografie echt wirken zu lassen, ist raffiniert. Das Buch ist in Tagebücher gegliedert, das Schultagebuch, das Londoner Tagebuch, das Afrikatagebuch usw. Es gibt fehlende, abgebrochene Passagen, recherchiert und aufgefüllt durch den interessierten Herausgeber seiner Tagebücher. Es gibt Parts, die vor Verzweiflung triefen, abgebrochenenes, scheinbar sinnloses Gekritzel. Poetische Ergüsse genauso wie nüchterne, stakkatierte Sätze. So sympathisiert man auch sofort mit Logan, als er am Ende seines Lebens in seine Tagebücher schaut und nicht weiß, wer das war. „Was für ein krankhaftes, melancholisches, verstörtes Wesen mir da entgegentritt. Das soll ich ich gewesen sein?“

Ich schwanke in meiner Empfehlung an euch dennoch.

Weil ich nicht sicher bin, ob Boyd nun mehr Moehringer oder doch mehr Boyle ist. Denn, wie ich neulich lernen musste, gibt es auch hier einen gravierenden Unterschied. Zumindest gibt es Leser, die den einen Schreiber mögen, den anderen hingegen gar nicht. Und auf einmal wurde mir bewusst, dass Geschmack nicht nur gelegentlich differiert, sondern auch differenziert seine Wege gehen kann. Ich muss meine Buchempfehlungsstrategie wohl noch überarbeiten.

Übrigens, ich neige nun doch mehr zum Vergleich mit Boyle, oder eher gesagt, eine Fortführung. Moehringer erzählt autobiografisch über sein eigenes Leben, Boyle erhebt sich zum Autobiograf berüchtigter, historischer Persönlichkeiten und Boyd lässt sich so gar nichts vorschreiben und setzt rein fiktive Personen in den Kosmos unserer Vergangenheit, denen er mit eigenen Erfahrungen Würze verleiht. Zum Beispiel seine Zeit in Oxford, in Afrika und das Verfassen einer Shelley-Biografie.

Irgendwann wird das hier das nächste Boyd-Lesestück.

Mehr, mehr, mehr

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