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Gregory David Roberts: Shantaram


Posted on August 4th, by Frau Erdnussbutter in Abenteuer, Biografie, Rezension. 1 Comment

Bollywood in Schriftform: Eine Ode an Indien, das Leben und echte Freundschaften.

Die erste Euphoriewelle, in der ich das Buch schon unzählige Male weiterempfohlen habe, lässt leider nach einigen Kapiteln nach und man sehnt schon fast das Ende herbei. Das ist dann, verglichen mit dem Rest des Buches, recht glanzlos.

Doch es bleibt auch die Erinnerung an die erste Hälfte, die wirklich großartig ist, dichtgepackt mit einem bildhaften, sehr bunten Indien – allein deswegen lohnt es sich, in Shantaram hineinzutauchen.

Die Lage scheint aussichtsslos für den jungen Protagonisten, als er nach mehreren Raubüberfällen zu 19 Jahren Hochsicherheitsgefängnis in Australien verurteilt wird. Doch die Geschichte beginnt erst später, nach einem spektakulären Ausbruch, mit dem er Australien und sein Leben als Heroinsüchtiger weit hinter sich lässt – vor ihm eine der faszinierendsten Städte der Welt, Bombay.

“Ich bin Franzose”, antwortete er, “ich bin schwul, jüdisch und kriminell. Bombay ist der einzige Ort, wo ich das alles zugleich sein darf.”

Allein auf sich gestellt, aller Mittel ledig, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Slumbewohner zu werden. Schon bald zeigt sich, dass verborgenen Fähigkeiten in ihm schlummern. ersten Schritten trifft er auf Prabaker, der bald zu diesem klassischen loyalen Gefährten wird, schon oft in der Literatur gesehen, ob er nun Samweis, Boy oder Tom Sawyer heißt.

Ich kann leider nicht umhin, hier statt des Besonderen Satzes, eines der skurill-lustigen Gespräche, die Prabaker führt, wiederzugeben.

“Wie alt ist er?”

“Dreißig.”

“Er sieht älter aus.”

“Das tun sie alle. Die Europäer sehen alle älter und wütender aus, als sie eigentlich sind. Das ist was typisch Weißes.”

“Ist er verheiratet?”

“Nein.”

“Nicht verheiratet? Dreißig und nicht verheiratet? Was ist denn verkehrt mit ihm?”

“Er ist Europäer. Viele von denen heiraten erst, wenn sie alt sind.”

“Das ist ja verrückt.”

“Wo sind seine Eltern?”

“In seiner Heimat. In Neuseeland.”

“Warum ist er nicht bei ihnen?”

“Er ist auf Reisen. Er schaut sich die ganze Welt an.”

“Warum?”

“Das machen die Europäer so. Sie arbeiten eine Weile, und dann reisen sie eine Weile herum, einsam und allein, ohne Familie, bis sie alt geworden sind, und dann heiraten sie und werden sehr ernst.”

“Das ist ja verrückt.”

“Ja.”

Dort beginnt er, Indien durch “indische Augen” zu sehen. Er lernt dieses facettenreiche, jeden zivilisationsverwöhnten Menschen verstörende Land auf die denkbar schönste Weise können – durch und mit den Menschen, die es ausmachen. Er hat wenig Missionarisches an sich, wie die vielen anderen großen Weißen, die die Dritte Welt bereisen und zu Abenteuerromanen verarbeitet werden. Geschlagen, desillusioniert, hoffnungslos und ohne jegliches Selbstbewusstsein strandet er in Mumbai, bis es zu “seinem” Bombay wird und er selber zu Shantaram, “Mann von Gottes Frieden”.

Das Kopfwiegen war die erste indische Geste, die mein Körper erlernte, und damit begann eine Verwandlung, die mein Leben bestimmt hat in all den langen Jahren seit jener Reise der bevölkerten Herzen.

Wer denkt, ich hätte hier schon das halbe Buch erzählt, irrt gewaltig. Die Handlung ist so dichtgepackt, dass man sie kaum in wenigen Sätzen wiedergeben könnte. Deshalb lässt dieses Buch einen nie außer Atem, reißt mit und man staunt immer wieder, dass es sich hier tatsächlich um eine wahre Geschichte handeln soll.

Die Geschichte atmet kaum auf und schon geht es weiter: Mafia, Gefängnis, Prostitution, die Liebe zu einer gefährlichen Schweizerin – Roberts lässt nichts aus, das eine gute Abenteuergeschichte ausmacht.

Damit sind wir schon an einem meiner beiden Kritikpunkte angelangt. Absurd und unglaublich scheint die Geschichte an vielen Stellen, “Fishing for effects” möchte man es fast nennen – kann das wirklich wahr sein? Wieviel davon Fiktion, was Realität? Aber: ist das Leben nicht manchmal ganz einfach unglaublich? Deswegen zögere ich, daraus echte Kritik zu machen, schwer unterhaltsam ist es ja allemal. Mag es nun als dichterische Freiheit oder reale Dichtung sein, Gregory David Roberts steht hinter der Authentizität seiner Lebensgeschichte.

Die bittersüße Zeit im Slum ist irgendwann jäh beendet und die Schilderungen eines brutalen Gefängnisaufenthalts beschwören Den Grafen von Monte Christo herauf. Gregory David Roberts schreibt, wie man einen Abenteuerroman durchaus schreiben kann: Extrem bildhaft, verliebt in Adjektive und mit vielen packenden Schachtelsätzen. Dabei driftet er jedoch so manches Mal (besonders wenn es um Karla geht) in eine schwülstige Sprache ab, bei der man erst einmal ordentlich schlucken muss. Da kenne ich nun echt keine Gnade, das gibt Abzug.

Schade, dass er nicht durchhält, was so viele Sätze schon andeuten, echten literarischen Tiefgang und unprätentiöse Poesie. Am Ende nimmt man ihm dank der Sprache auch die geistige Läuterung nicht mehr so ganz ab.

Doch gesammelt bekommt Shantaram trotzdem meine Leseempfehlung: Beste Unterhaltung mit Höhen und Tiefen und einem wunderschönen Blick nach Indien.





Ein Kommentar zu “Gregory David Roberts: Shantaram”

  1. [...] nein. Manche Bücher fesseln mich um einiges länger, manchmal lese ich auch zwei (oder sechs, hallo, Urlaub!) Bücher in sieben Tagen und schon ist [...]

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