Bernhard Schlink: Das Wochenende

Ein gnadenloser Blick in die Vergangenheit eines reulosen Terroristen. Leider keines von Schlinks Glanzstücken.

Was, wenn du ins Leben zurückehrst und noch vor dir hast, was für deine Freunde bereits in ferner Vergangenheit liegt? Jörg kehrt nach 20 Jahren Haft plötzlich in das normale Leben zurück, ganz so als sei nichts gewesen. Dabei ist doch so viel passiert, er hat Menschenleben auf dem Gewissen, alles im Namen eines höheren, hehren Ziels.

Jörg soll wieder in die Gesellschaft hineinfinden, zu diesem Zweck hat seine Schwester all seine Freunde für ein Wochenende auf dem Land versammelt. Doch die Rechnung geht nicht auf. Der Täter bereut nicht, seine Prinzipien sind nicht abgelaufen, während für seine Freunde das Leben längst weitergegangen ist. Es kommt wie es kommen muss, zu Konfrontationen und nicht zu einer heilsamen Reintegration.

In der neuen Gesellschaft ist es nicht tragbar, alten, dem Terror verschriebenen Idealen nachzuhängen, also haben sie den nächsten und die folgenden Schritte gewagt, haben ihr Leben gelebt. Nicht so Jörg, der im Gefängnis seine Ideale wie in einem Museum präserviert hat. Er kehrt zurück und nichts ist mehr, wie es einmal war, Glanz und Gloria des Rebellentums erblindet, das Gedankengut eingemottet, verstaubt und sorgsam vergessen. Für seine „Freunde“ ist Jörg die Projektion dieser dunklen Schublade, die sie meinten für immer verschlossen zu haben.

Jörg war in seine Wahrnehmungen und Vorstellungen eingesperrt. Er trug seine Zelle mit sich, vermutlich schon lange, bevor er in eine Zelle gesteckt wurde, und sie konnte sich nicht vorstellen, wie er aus ihr herausfinden sollte.

Ein Haus, drei Tage, viele Menschen. Das ist der Stoff aus dem kleine und große Dramen gewoben werden, die gigantisch explodieren oder aber auch belanglos in Luft aufgehen können. Kurz, Das Wochenende hat mich nach anderen Schlink-Werken etwas enttäuscht. Er reisst vieles an, kleine und große Konflikte, der Sohn, der seinen Vater nicht verstehen kann, der resignierte Ex-Täter, der nicht verstehen will, die junge Frau, die sich als Terroristen-Groupie zeigt.

Soviele Figuren, soviele Geschichten, doch die Erzählung verharrt oft zu stark unter der Oberfläche, lässt kaum mehr als vage Ahnungen durchblicken. Meiner Meinung nach hat Schlink schon Besseres geschrieben.

Mehr, mehr, mehr

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