Charlotte Brontë: Jane Eyre

Jane ist Schuld daran, dass ich meinem Buchprojekt etwas Flexibilität aufzwingen musste. Zwei Wochen statt einer wechselte ich zwischen Thornfield Hall und der Stuttgarter U-Bahn, zwischen dem grimmig-düsteren Edward Rochester und Adventsstimmung. Und musste dafür in der folgenden Woche doppelt so schnell lesen. Aber, es hat sich gelohnt.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Gedanke an Geschlechtergleichstellung noch kaum mehr als eine vage Schimäre war, veröffentlichte Currer Bell die Geschichte von Jane Eyre.Jane ist nicht besonders hübsch, oder ansehnlich, dazu eine arme Vollwaise und äußerst stur. Weit davon entfernt, eine gute Partie zu werden. Kaum hat sie ihre gequälte Kindheit in der Pflegefamilie überlebt, nimmt sie trotzig das Steuer selbst in die Hand und wird Gouvernante und damit endlich unabhängig. So kommt sie schließlich nach Thornfield Hall und trifft auf Mr. Rochester, die unbändige Grimmigkeit in Person und, wie sich bald herausstellen wird, ihr Schicksal.
Jane Eyre ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und lässt tief blicken, in das stille Wasser Jane. Äußerlich stoisch, mit einem trockenen Humor gesegnet und sehr geduldig, sieht es innerlich oft ganz anders aus. Bald merkt Jane, dass sie für den viel älteren Edward deutlich mehr empfindet, als man dass in einem Arbeitnehmer-Arbeitgeberverhältnis erwartet. Die Ränke beginnen. Edward versucht sie eifersüchtig zu machen – was ihm auch gelingt – und nach einigen ordentlichen Wellen steht tatsächlich eine Hochzeit an. Jane, die ihr Glück nicht fassen kann, bleibt bis zur letzten Sekunde misstrauisch und soll damit recht behalten.
Denn vor dem Traualtar muss Edward sein düsteres Geheimnis enthüllen, das dem Buch eine völlig neue Wendung gibt.Für alle, die Charlottes Werk noch genießen wollen, lege ich jetzt eine Schweigeminute ein. Lest es selber, natürlich ist es für uns abgeklärte 21.-Jahrhundertler teilweise vorhersehbar, aber wir kennen schließlich schon jeden müden Abklatsch dieser schönen Liebesgeschichte aus Hollywood-Plattitüden. Und schließlich ist es doch mehr als eine schnöde Schnulze, erzählt es doch vielmehr auch von einem verstörten, unsicheren Wesen, das zu einer selbstbestimmten, jungen Frau wird.

Und auch wenn das Wort „welche/r/s“ inflationär oft vorkommt (pfui!), ist es fast besser geschrieben, als Jane Austens frühere Romane.Dass sich hinter dem Pseudonym Currer Bell eine Frau verbarg, gab Charlotte Brontë nur kurze Zeit preis, verbarg sich jedoch weiter hinter der männlichen Fassade. Wie die Trapp-Familie des Schreibertums scheinen die drei Schwestern Charlotte, Anne und Emily, die allesamt Weltliteratur hervorbrachten – und sich alle mit Pseudonymen schützten.

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