Cormac McCarthy: Die Straße

Eine berührende Dystopie, die sich viel weniger um Apokalypse als um Zwischenmenschlichkeit dreht. Nichts für die ganz zarten Seelen.

Ich liebe es, neue literarische Entdeckungen zu machen! Mein erster Cormac McCarthy war eine Erleuchtung. Klar, was mag man sonst erwarten von einem Buch, das den Pulitzer-Preis bekommen hat? Doch mich erstaunt es, dass das Buch tatsächlich auch kommerziell ein Erfolg geworden ist, über Oprah bis hin zu einer Verfilmung. Irgendwie scheint es mir in seiner Erzählweise nicht so massentauglich zu sein. Doch die Meinungen gehen hier auseinander. Manche Rezensenten geiseln sich sogar selbst dafür, dass sie ein so gefälliges Buch tatsächlich selbst auch gut finden.

Ich finde es sehr besonders. Mir gefällt, dass man über vieles im Ungewissen gelassen wird. Wir wissen nicht, was die Welt, durch die die beiden wandern, so zerstört hat. Oder wohin sie sich bewegt. Wir wissen nur, dass ein Vater und sein Sohn durch einen scheinbar ewigen Winter gen Süden ziehen, in der unbestätigten Hoffnung, eine sichere Zuflucht zu finden. Durch eine Welt, die bevölkert ist von unmenschlich gewordenen Bewohnern, die auch vor Kannibalismus nicht zurückschrecken. Die Erde ist so, wie sie schon einmal war, ganz am Anfang ihrer Geschichte, finster, wüst und leer.  Und die Menschen sind nur mehr Störfaktoren, die dafür kämpfen sich gegenseitig den letzten Rest zu geben. Tiere sind eine entfernte, fantastische Erinnerung. Es geht nur noch um das nackte Überleben.

Und doch dreht sich diese Geschichte um etwas völlig anderes. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Ein Vater, der wie alle Väter nur das Beste für sein Kind möchte und dafür durch die Hölle geht. Der Junge scheint als Konterpart für die letzte verbleibende Menschlichkeit auf der ganzen Welt zu stehen. Mahnend taucht er immer wieder im Hintergrund auf, sanft, unerbittlich.

Du bist nicht derjenige, der sich um alles Gedanken machen muss. Der Junge blickte auf, sein Gesicht feucht und schmutzig. Doch, das bin ich, sagte er. Ich bin derjenige.

Furchtbar und schön und sprachgewaltig geschrieben. Man darf sich nicht von der Einfachheit der Sätze täuschen lassen, denn gerade darin fängt McCarthy eine besondere Atmosphäre, viel Ungesagtes ein. Es passiert viel zwischen den Zeilen und immer wieder schimmern ein paar poetische Sätze durch die Asche der zerstörten Welt. Ansonsten ist alles bis aufs Mindestes reduziert, einfach, hart gearbeitet und sehr, sehr ehrlich.

Im grauen Licht ging er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte, unerbittliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtende schwarze Vakuum des Universums. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.

Es ist nicht besonders lang, dafür aber umso intensiver. Man reist eine Zeit lang mit dem Jungen und seinem Vater mit und nimmt am Ende wieder eine Abzweigung, die ihre Zukunft im Ungewissen lässt. Für mich vielmehr eine Novelle, die an die mystifizierende Melancholie russischer Autoren erinnert.

Alles in allem hat der Roman etwas Vor- und Endzeitliches, schon etwas Biblisches – und dann ist er doch wieder so gar nicht religiös. Durchzogen von wenigen bittersüßen Dialogen, die unter die, Zeile für Zeile, immer dünner werdende Haut gehen.

Sehr weit könnten sie das aber nicht sehen, oder, Papa?

Wer?

Irgendwer.

Nein. Nicht weit.

Wenn man zeigen wollte, wo man ist.

Du meinst, den Guten?

Ja. Oder sonstwelchen Leuten, die wissen sollten, wo man ist.

Wer denn zum Beispiel?

Ich weiß nicht.

Gott?

Ja. Vielleicht so jemand.

Egal, ob Mainstream oder nicht. Das ist ganz große Literatur.

Die nächste Entdeckung gleich danach und wunderbar als Ergänzung zu empfehlen: die Verfilmung mit dem einzigartigen Viggo Mortensen.

Mehr, mehr, mehr

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