George R.R. Martin: Der Sohn des Greifen (9)

Wieder nur ein Auftakt. Erzählstränge werden begonnen und Charaktere vermisst. Unentbehrlich, um weiter zu lesen, aber ansonsten eher mittelmäßig (auf der Martin-Skala).

Zu Rechtschreib- und Stilfragen sage ich erstmal nichts, das haben andere schon zur Genüge getan. Wichtiger ist mir bei diesem Band das Auseinanderklamüsern des Inhalts.

Einen interessanten Perspektivenwechsel vollführt die Geschichte gleich am Anfang, als Sams Erlebnisse nochmal aus Jons Sicht beschrieben werden. Ein kleiner Aha-Effekt, der typisch Martin ist. Das ganze Buch dreht sich diesmal stark um Charaktere, die mit ihren Entscheidungen ganz auf sich allein gestellt sind, dazu gehört auch Jon, der einsame Kommandant der Nachtwache. Nun kreuzt auch die „Rote Hexe“ Melisandre seinen Weg und hoch oben im eisigen Norden prallen zum ersten Mal Eis und Feuer  aufeinander. Auch Davos tritt nach wie vor als Stannis grundloyaler Gefährte auf, die Geschichte entwickelt sich hier solide und ohne größere Höhepunkte. Anders bei Bran, bei dem zwar nicht besonders viel passiert, der aber endlich seiner Bestimmung näher kommt.

Tyrion befindet sich auf einer erstaunlich zielgerichteten Flucht, bei der einige interessante Charaktere seinen Weg kreuzen. Man wartet nur darauf, dass er endlich auf Daenerys trifft und die Geschichte, die in den Sklavenländern vor sich hinlümmelt endlich in Schwung bringt…

Dann ist da natürlich noch die Figur, die dem Band seinen Namen gibt. Wie aus dem Nichts taucht er auf und man weiß noch lange nicht, woran man eigentlich bei ihm ist. Eintagsfliege oder etwa der „Auserwählte“? Martin lässt sich hier, wie immer, nicht in die Karten schauen. Ich hoffe allerdings auch, dass diese Charaktereinführungen bald ein Ende finden, bevor die Handlung in einem unübersichtlichen Chaos versinkt.

Zusammengefasst: Dieser Band ist nicht gerade dichtgepackt mit Handlung, die Charaktere und ihr Innenleben werden ziemlich ausführlich beleuchtet und doch…hat man das Gefühl, dass etwas wichtiges fehlt. Martin „verzwiebelt“ seine Figuren förmlich, unter jeder Schicht steckt eine neue Geschichte, eine andere Facette. Interessant also ja, aber der rote Faden scheint dem Erzähler zu entgleiten.

Der neunte Band ist für mich nicht gerade eine besondere Glanzleitung Martins. Meiner Meinung nach ist dieser Eindruck der Trennung der Originalbände geschuldet. Martin verweist bereits dort schon darauf hin, dass die Handlungsstränge nicht mehr zeitlich parallel verlaufen können und manche Charaktere so buchweise überhaupt nicht auftauchen – was nachvollziehbar ist. Dieses notgedrungene Verzerren der Geschichte wird bei einer weiteren Aufteilung der Bände noch extremer, die Handlung wird noch weiter zerfasert. Schade. Denn Band 9 sollte man keinesfalls zum Anlass nehmen, mit der Serie aufzuhören, zumal – Vorsicht, Spoiler – Band 10 wieder alle Erwartungen übertrifft.

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