George R.R. Martin: Die Königin der Drachen (6)

Ich gestehe, diese 780 Seiten haben mich mehr als eine Woche gefesselt, genauer gesagt, lag ich ganze 13 Tage in Martins Knebeln. Daher gab es nun eine kleine amüsante Zwischenpause, die gerade den einen faulen Sonntag ganz toll ausfüllte (und mir mein Buchprojekt nicht versaut – ich will ja schließlich noch in den Spiegel schauen können). Doch dazu erst in der nächsten Rezension.
Wie der geneigte Eis und Feuer-Leser weiß, sind die deutschen Bände ja nur das jeweils zweigeteilte Original. Wie fatal diese Entzweiung beim Rezensieren sein kann, habe ich beim letzten Mal mehr als schmerzlich erfahren (ja, das war schon fast körperlicher Schmerz). Ich habe mich selbst gespoilert. Um die Handlungen der Charaktere dem jeweils richtigen Band zuzuordnen – zumal ich gerade an der Rezension zweier Titel saß – machte ich mich also bei Wikipedia schlau. Ein Fehler, wie sich herausstellte.
Das gesammelte Online-Wissen unterschied nämlich verständlicherweise nach den englischen Originalen und so las ich einen Satz zuviel. Einen ganz verhängnisvollen Satz, ich könnte mir immer noch die Haare raufen, weil ich halbe Lektüre nur auf die verfluchte „Rote Hochzeit“ gewartet habe. So, mehr verrate ich nicht. Ärgere mich nur im Stillen weiter.
Wenn im letzten Band verkrüppelt wurde, dann wird jetzt verraten und gemordet. In einem Wort: krass. Wer stirbt, kann nicht verraten werden, aber eines ist sicher, die Karten werden ganz neu gemischt.
Bei diesem, dem sechsten, Band fällt es mir deshalb sehr schwer, darüber zu erzählen, ohne entscheidende Wendungen in der Handlung vorzugreifen. So macht zum Beispiel Catelyn eine Charakterwandlung der besonderen Art durch, dazu noch völlig unerwartet. Auch Robb führt es auf dem Marsch in den Norden auf ganz andere Pfade.
Zu den anderen Starks kann man kaum mehr enthüllen. Sansa wird verheiratet und ihr Schicksal scheint am Hof von Königsmund besiegelt zu sein. Letzten Endes entschwindet sie aber, ausgerechnet mit dem schwer fassbaren „Kleinfinger“, Petyr Baelish, weit weg aus dem Dunstkreis der Lennisters. Ob es ihr hier allerdings besser ergehen wird, ist fraglich..
Arya versucht immer noch, ihren Weg in den Norden zu finden und macht dabei einige unerfreuliche Begegnungen, die sich alle erhoffen, die kleine Ausreißerin gegen ein ordentliches Lösegeld auszulösen. Zuletzt wird sie vom Bluthund, Sandor Clegane, unfreiwillig eskortiert. Aber auch das ist eine Gefangenschaft, die nicht lang andauern kann. Man kennt sie ja..
Und Bran findet mit einer unerwarteten Hilfe schließlich einen Weg auf die andere Seite der Mauer. Und dort spielt auch ein Großteil der Musik, denn die Wildlinge, das Volk jenseits der Mauer, drängen sich immer mehr in die Handlung. Und sie bringen ihren eigenen König mit, Manke Rayder.
Jon Schnee, der am Anfang noch der besitzlose Bastard ist, bekleckert sich in diesem Band ordentlich mit Heldentum und bekommt am Ende die Möglichkeit, doch noch Lord von Winterfell zu werden. Doch dieses Angebot schlägt er aus und nimmt einen ganz anderen Titel an. auch erfährt man endlich, wer seine Mutter ist.
Davos dient wieder als Blick auf Stannis, der zunehmend hinter der Roten Priesterin Melisandre verschwindet und Samwell im Gegenzug als zweite Perspektive zu Jon Schnee.
Die Lennisters plagen andere Sorgen. Cersei fürchtet ständig um ihren verwöhnten Sohn und sieht sich selbst als Spielball der mächtigen Männer an Hof, insbesondere ihres Vaters. Tywin Lennister ist auch nicht gerade das, was man ein angenehmes Familienoberhaupt nennen kann. Dem kleinwüchsigen Tyrion trägt er den Tod seiner Frau bei dessen Geburt so stark nach, dass er es ihn deutlich spüren lässt. Alle Mitleidspunkte gehen an den kleinen Mann, der so einiges ertragen muss, sich aber schlussendlich doch wehrt.
Der andere Sohn, Jaime, kehrt endlich zurück. Ihm wird jedoch nciht gerade der Empfang bereitet, den er sich erhofft hat. So stößt er auf die Ablehnung Cerseis und auch auf die seines Vaters. Man hat den Eindruck, eine völlig neue, nachvollziehbarere Figur vor sich zu haben. Das ist wieder typisch Martin, dass sich Sympathien für einen Charakter entwickeln, nachdem er aus seiner Sicht zu erzählen beginnt.
Doch was macht eigentlich die Hauptperson, schließlich sollte laut Titel die Königin der Drachen im Mittelpunkt stehen. Daenerys ist immer noch damit beschäftigt, Sklaven zu befreien und eine Armee für ihren Einmarsch nach Westeros zu rekrutieren. Dabei werden auch immer mehr Verbindungen zu Westeros sichtbar, besonders zur Mauer. Und schließlich erfährt man mehr über die Herrscherzeit der Targaryens in Westeros.
Schließlich beschließt sie sogar, erstmal zu rasten und das „Handwerk“ des Regierens von Grund auf zu lernen. Ansonsten plätschert die Handlung eher träge dahin, und am Ende beschleicht einen das ungute Gefühl, dass sie es bei diesem Tempo in hundert Jahren nicht nach Westeros schafft.
Nachgeprüft habe ich es nicht, aber den Eindruck habe ich eigentlich nicht, dass Daenerys einen überwiegenden Teil des Buches für sich beansprucht hat. Ein etwas irreführender Titel also.
Zu guter Letzt frage ich mich, ob auch noch andere Charaktere „sprechen“ werden, deren Innenleben sicherlich Überraschungen bereithält. Zum Beispiel Cersei Lennister oder Stannis Baratheon. Oder der widerwärtige und dann doch fast sympathische Bluthund Sandor Clegane.

Mehr, mehr, mehr

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