Hermann Hesse: Siddharta

Sieben Jahre ist es her, dass ich Hesses wohl östlichstes Werk mit Umschlag und Fasern verschlungen habe. Dementsprechend kann man sich vorstellen, dass mir schon etwas bang davor war, entzaubert zu werden. Denn in all den Jahren war mir der der Siddharta als vollkommenes, poetische Werk in Erinnerung geblieben.
Und wir wissen ja alle: früher war immer alles besser.
 Zu meinem Glück hatte Hesse kein bisschen an Magie verloren und nachdem ich mich die ersten Seiten tatsächlich wegen der allzu blumigen Sprache fremdschämte, schämte ich mich am Ende eher vor meinen kindischen Berührungsängsten mit schöner Sprache. Die ich als solche nicht gleich entlarvt hatte.
Trashfernsehen und bunte Gegenwartsliteratur setzen das Mindesthaltbarkeitsdatum des eigenen Sprachgefühls ganz ordentlich herab.
Inmitten den bis dahin größten Turbulenzen, in denen sich die westliche Welt damals befinden konnte, nach einem Weltkrieg, völlig beschäftigt mit sich selber, setzte sich Hermann hin und schuf etwas, das aus einer ganz anderen Welt stammte. Trotzdem gelang es ihm, eine Brücke zwischen fernöstlicher und westlicher Kultur zu schlagen und ein universales Gedicht über das Leben an sich zu schaffen.
Er schrieb über einen Buddha, der nach Meinung vieler, näher an die Idee des echten Buddhas herankommt als der historische Buddha selber.
Tatsächlich erging es ihm ein wenig wie Van Gogh, dessen Blumen erst nach seinem Tod echte Anerkennung fanden. Hesses Blumenkäufer war die Hippiewelle der Siebziger, die sich mit Enthusiasmus auf diese Bibel der Neuzeit stürzte. Schön ist, dass Siddharta nicht predigt, nicht zurechtweist, sondern nur erzählt und dabei tief berührt.
Henry Miller, der, wie es das Nachwort erzählt, für den Siegeszug dieser kleinen Legende verantwortlich war, sagte ganz treffend:
„Für mich bleibt Hesses Siddharta eines der einfachsten und tiefsten Bücher, das ich je gelesen habe. C.G. Jung langweilt mich unsäglich – aber das tun ja die meisten Psychologen -, während es Hesse schafft, uns Zen zu vermitteln, ohne das Wort überhaupt je zu erwähnen.“
Nun sollte ich aber auch etwas über das vielgelieb- und -lobte Werk selber erzählen.

Bei den letzten Büchern bin ich regelrecht zum Eselsohrjunkie geworden, mit Siddharta habe ich meinen ersten, persönlichen Rekord aufgestellt. Jede Seite ist voll von Antworten auf grundlegende Fragen. Ein Buch, auf dem eine ganze Lebensphilosophie aufbauen kann. Dabei ist es genau das Gegenteil, dass Hesse mit diesem Werk ausdrückt: man muss keiner Lehre folgen, um ein vollkommener, weiser Mensch zu sein.Siddharta erzählt auf wenigen Seiten sehr viel: über die Beharrlichkeit, Askese, die Unverletzbarkeit des Geistes, die Kunst der Liebe, Tief- und Höhepunkte, die Tiefgründigkeit von Flüssen und Meeren, darüber, dass wir alle immer dieselben grundlegenden Konflikte erleben und dass Lehren ohne Menschen, die sie leben, nichts als leere Worte sind.

Serviert mit: Grünem Tee
Dazugehört: Frank Sinatra – My way

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