Jan Brandt: Gegen die Welt

Spannend, tief- und wahnsinnig. Vom Aufgeben und Weitermachen – die Abgründe des Menschen, vielschichtig seziert im beschaulichen Ostfriesland.

Da haben wir hier den Salat: Ein Buch, das mehr Zeit aufgesogen hat als erwartet und mich dabei galant fertig gemacht hat. Nein, das hatte nichts mit der Fülle der Seiten zwischen den Buchdeckeln zu tun (da bin ich schon mit ganz anderen Kalibern fertiggeworden, man mag es kaum glauben), vielmehr musste ich Sätze wiederlesen, zurückblättern, parallellesen. Ja, es war ein bisschen wie Sport machen. Ein kleiner Lesekampf (wer hält länger durch?), der es mir jetzt besonders schwer macht, die richtigen Worte dafür zu finden.

„Was stimmt nich?“
„Alles. Die ganze Welt. Du, ich – alles falsch.“
„Aber manches fühlt sich doch richtig an, findest du nich?“

So geht es Daniel Kuper, einem ganz normalen Jugendlichen in einem ganz normalen deutschen Ort. Nun ist die Normalität kaum mehr als schöner Schein und damit beginnen schließlich die Probleme. Es geschehen seltsame Dinge um Daniel herum, die ihm aus Sicht seiner Mitmenschen den Schuldstempel auf die Stirn drücken. Doch Daniel weiß es nicht, er weiß nicht, woher der Kornkreis kommt, der über Nacht auftaucht, oder die seltsamen Zeichen an den Häuserwänden. Ein wenig unbestimmte Mitschuld empfindet er als sein Mitschüler sich das Leben nimmt und ihm Wellen des Vorwurfs entgegenschlagen.

Für Daniel wird das einfache Leben, das hauptsächlich aus seinen Freundschaften mit allzu unterschiedlichen Jungs besteht, immer verworrener und befremdlicher. Den Gedanken, warum das Buch Gegen und nicht Für die Welt heißt, habe ich lange hin- und hergewälzt – denn Daniels Verhalten hat etwas Bemühtes, seine und die Welt der anderen zusammenzuhalten, ja besser zu machen. Eine sehr einsame Sichtweise, die seine Umwelt nicht mit ihm teilt.

Der Leser begleitet Daniel durch sein gewöhnliches Leben: Freunde kommen und gehen, die Schule gleitet vorbei, kleine Liebschaften blühen auf und fallen wieder in sich zusammen. Jedoch durchspickt von plötzlichen Begebenheiten, die ihn (den Leser und Daniel) in ihrer Absurdität aufschrecken und mit einem schwammigen Bauchgefühl hinterlassen. Irgendetwas ist hier faul.

Ein Gefühl, das ich bislang nur aus dieser oder jener Kleinstadt in Maine kenne. Ständig ist man nun im Zweifel, wo die Wahrheit verschwindet und die Fiktion beginnt. Jeder gelernte Grenzstein verschwindet unfassbar im Nebel der Worte.

Kein gutes Gefühl muss ich sagen.

Doch, es ist nicht nur Daniels Geschichte, es ist ein Projekt auf vielen Ebenen. Ein Buch, das von vielen erzählt und im Endeffekt doch nur von einem, denn alle losen und straff gespannten Fäden führen am Schluss zu Daniel zurück.

Es ist auch die Geschichte des Vaters, der seinen aneckenden Sohn mit Sorge beobachtet, aber dessen Probleme vor allem auf sich selbst bezieht..was werden die Leute denken, welches Licht wirft dieses Kind auf mich? sind die Fragen, die sein Handeln bis ins Letzte beeinflussen. Beschäftigt mit seiner durch die Schlecker-Kette bedrohten Drogerie (Ironie, die das Leben schreibt!), seinen zahlreichen Mittelschicht-Affären und dem Bewahren seines Ansehens als modernen Dorfschamanen. Den Blick in den eigenen Spiegel verwehrt ihm diese egozentrische Sorge um Daniel und hinterlässt ihn nur trübe sehend.

Aber es ist auch die Geschichte von Daniels Freunden, von Onno, Rainer und Steffen. Jeder von ihnen erlebt eine eigene Geschichte des individuellen Weltentsagens. Stets begleitet vom Dröhnen des klangewordenen Widerstands: Heavy Metal in allen Facetten.

Zuallerletzt Volker, der wohl die interessantesten Seiten beisteuert. Diese Freundschaft beginnt schon früh und Jan Brandt lenkt ein besonderes Augenmerk darauf. Es ist einerseits absurd, wie sich Volker bei Daniel anbiedert, andererseits anrührend. Lange meint man, er sei sein wahrhaftigster Freund gewesen.

Und immer wieder fragt man sich: Wer ist dieser Daniel und auf welcher Ebene erleben wir ihn gerade?

Ist er tatsächlich schuld an den Dingen, die ihm vorgeworfen werden oder entspricht sein verworrener Realitätssinn der Wahrheit? Wer ist hier eigentlich verrückt (in eine andere Welt)?

Nicht zuletzt sei gesagt, dass das Buch auch optisch und haptisch ein Meisterstück ist. Glatt und schwer liegt es in der Hand, mit einem viel(ver)sprechenden Einband, hauchfeinen Seiten und einer variantenreichen Typografie. Schwindende Wahrnehmung findet sich in verblassender Schrift, die Geschichte eines von Selbstmördern traumatisierten Zugführers zieht wie ein vorbeifahrender Zug auf 100 Seiten als Fußnote vorüber. Endlossätze, Gedankenschleifen, Druckintensivität, Briefe an deutsche Politiker – alles findet nicht als Aneinanderreihung von billigen Effekten sondern als durchaus ernstzunehmendes Werk zusammen. Eine für ein Debüt mehr als erstaunliche Betrachtung in den Menschen hinein, die jugendlichen Gruppen und deren seltsamen Eigendynamiken auf den Grund geht. Die auseinandergeht und zerfällt, doch am Ende fügt sich alles zusammen, springen die Scherben auf und werden ein zerbrechliches und gleichzeitig starkes Ganzes. Auf einmal erkennt man, wo die Risse ihren Anfang nahmen und erlebt ein überzeugendes Ende.

Doch: Es überzeugt mich nicht vollständig, es ist so, als würde ich das Geschehen ständig auf Distanz betrachten. Eher selten sind die Momente, in denen ich mitfühlte. Trotzdem bleibt das Gefühl, ein Stück literarischer Geschichte aufgesogen zu haben, bestehen und die Sprache…meine lieben Leser, da können wir noch viel von Jan Brandt lernen.

Zu guter Letzt eine kleine Kostbarkeit aus diesem Wortreichtum…

Der Kandis knisterte, die Sahne wölkte an der Oberfläche.

Mehr, mehr, mehr

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