Kolja Bonke: Film Riss

Zwischen Drogen und Selbsterkenntnis: Ein ernüchternder, selbstironischer Trip auf der allgegenwärtigen Suche nach dem eigentlichen Sinn. Unangenehm tiefe Einblicke treffen auf gnadenlos ehrliche Sätze.

Dies ist eine Premiere. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass ich einen waschechten Autor über zwei Ecken kenne, doch definitiv ein Novum, dass mir die Lektüre auch gefällt. Eines gleich vorweg: Mit dem, was da auf mich zukam, habe ich nicht gerechnet.

Film Riss nimmt kein Blatt vor den Mund – und das hat es auch nicht nötig. Obwohl stellenweise ein lapidarer Witz den nächsten jagt, fügt es sich nur zu gut in das Gesamtbild des vom Leben ernüchterten Protagonisten ein.

In dreizehn, teils bittersüßen, teils bösen und immer absolut ehrlichen Kapiteln erzählt er von der absoluten Verbitterung bis hin zu einem einzigen Aufbäumen gegen die Belanglosigkeit des Lebens. Die Parallelen zu Fight Club, Crank und 39,90 sind für mich ziemlich offensichtlich. Und interessanterweise sprangen mir beim Lesen Stellen entgegen, die mich an Den Traumdetektiv von Michael Marshall Smith erinnerten, ein halbes Leben lang mein absolutes Lieblingsbuch.

Datingberater von Beruf, aber längst ohne Bezug mehr zu echten, menschlichen Beziehungen, so erwacht der Erzähler eines Tages aus dem titelgebenden Filmriss. Der Bewusstseinsnebel manifestiert sich bald zu der schlimmsten anzunehmenden Befürchtung: Etwas ist passiert und jeder weiß es außer ihm.
Doch dabei bleibt es nicht, noch wesentlich Schlimmeres lauert in der Erinnerungslücke und bald befindet sich der Protagonist auf einer Hetzjagd nach der wahren Geschichte. Was ihm zur Last gelegt wird, ist ein nicht verdaubarer Brocken. Doch er kratzt seinen letzten Funken Selbstwahrnehmung zusammen, das kleine bisschen, das ihn noch an sich selbst glauben lässt und daran, dass er sowas nie getan haben könnte.

Überraschend bricht das Bild vom verbitterten Gefühlskrüppel als Sina auftaucht, die er, schön belegt mit einer kleinen Freudschen Analyse, über alle Maßen und Frauen hinaus glorifiziert. Da weht etwas durch die Seiten, das man nicht erwartet hätte. Weil es das Leben manchmal einfach nicht gut meint, gerät Sina bald in die Schusslinie und die Verfolgungsjagd mutiert zum exzessiven Rachelauf.

Oft kurz und knapp, aber fast immer sprachlich versiert. Ein Erstling, dem man einige „Debütantenfehler“ schnell verzeiht. Nicht nach meinem Geschmack war nur die Anhäufung von Filmverweisen und Songzitate, zugegebenermaßen eine coole Auswahl, doch die Erzählung wäre auch gut ohne klargekommen.

Ja, was ihr da vor euch habt, ist definitiv polarisierend. So sehr, dass ich nicht einmal sicher bin, wem ich das Buch empfehlen kann und wem nicht. Es ist: ein Monolog, der niemand unberührt lassen wird, der sich hineintraut. Deshalb: Lest es selbst, seid schockiert, seid fasziniert. Die Nacht, die ich mir damit um die Ohren gehauen habe, war es mindestens wert.

Einen besonderen Satz gibt es diesmal nicht, dafür einige besondere Absätze vom Autor selbst, der mir netterweise all meine Fragen beantwortet hat. Kolja Bonke ist Dating-Coach in Frankfurt und hat seinem Romanerstling einen Dating-Ratgeber vorausgeschickt.

Es gibt ihn doch angeblich, diesen Moment, in dem ein Autor denkt: Darüber muss ich schreiben! War das bei dir auch so, oder lag bei dir zwischen Idee und Buch eher ein längerer Entwicklungsprozess?

KB: Es gab sicher mehrere dieser Momente, die letztendlich zu Film Riss geführt haben. Die Idee, mal einen Roman aus der Ich-Perspektive und im Präsens mit hoher Geschwindigkeit zu schreiben, kam mir vor ein paar Jahren durch Strobo von Airen. Dieses Buch ist mit Sicherheit der größte Einfluss meiner kleinen Sex-, Drogen- und Gewaltorgie. Genau genommen hat Strobo mir überhaupt erst gezeigt, dass man so was tatsächlich machen kann.
Außerdem sind die Fälle Andreas Türck, Jörg Kachelmann, Dominique Strauss-Kahn, Julian Assange und einige eigene Erlebnisse in Film Riss verwurstet. Und als ich letztes Jahr plötzlich ohne Job und Freundin und mit einem deftigen Kater aufwachte, war die Zeit für Film Riss irgendwie gekommen.

Wahrheit oder Fiktion, Alter Ego oder doch nur reine Fantasie? Wie viel Autobiografie trägt dein Protagonist mit sich? 

KB: Wie viel Wahrheit tatsächlich in Film Riss steckt, würde ich wohl nie wirklich zugeben. In jedem Fall ist es mehr als mir lieb ist.

Wie kommt man von einem Dating-Ratgeber zu einer Fight-Club-orientierten Geschichte mit hoffnungslosem, fast apokalyptischem Ende? Logische Schlussfolgerung?

KB: Der Protagonist ist ein ziemlich abgefuckter Dating-Coach mit dem ein oder anderen klitzekleinen Problemchen. Er gibt anderen Leuten kluge Ratschläge, die er selbst ständig missachtet, was unweigerlich zu diesem Ende führt. So hoffnungslos empfinde ich es allerdings gar nicht, für mich hat es durchaus etwas Tröstendes.

Wie schreibst du? Von der Seele runter, streng nach Konzept, mitten in der Nacht oder zwischen geschäftlichen Emails, ruhig oder komplett aufgewühlt? Wie sehr geht dir das Ganze an die Substanz?

KB: Die Arbeit an Film Riss war sehr speziell. Dieses Buch hab ich nur für mich geschrieben und nie für irgendeine Zielgruppe. Umso erstaunlicher, dass es sich trotzdem verkauft. Eigentlich ist es nur ein Roman, wie ich ihn immer schon mal selbst lesen wollte — und auf eine Weise verfasst, als wäre er mein erster und letzter.
Gleichzeitig war das Ganze wie eine Mischung aus Abtreibung und Therapie für mich in der Phase einer schwierigen Trennung. Ein Ventil, um mit verschiedenen Dingen klarzukommen. Die traurigen Teile hab ich heulend geschrieben, die
gewalttätigen aggressiv und die lustigen in Partystimmung — aber so gut wie immer besoffen. Insofern also streng nach dem Udo-Lindenberg-Konzept: Besoffen schreiben, nüchtern gegenlesen.

So, und von Texter zu Texter: Wie lange hast du dafür gebraucht?

KB: Ich habe Film Riss in vier oder fünf Monaten geschrieben und hoffe auch für die nächsten Teile nicht deutlich länger zu brauchen — wird nämlich eine Trilogie.

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