Lemony Snicket: Meine rätselhaften Lehrjahre 1-4

Die einzige autorisierte Autobiographie eines fiktiven Chronisten. Warum nicht?

Verkleidet in einen Detektivroman gewährt Lemony Snicket diesmal einen genaueren Blick hinter seine berühmte Romanreihe. Um ganz ehrlich zu sein, haben die ersten beiden Bände mich fast dazu verleitet, mit dem Lesen aufzuhören. Mit den unsäglich tragikkomischen Baudelaire-Chroniken hatte mich Lemony Snicket, bzw. Daniel Handler, sieben Jahre fest im Griff seiner einzigartigen Eloquenz.  Nicht weniger, und vor allem mehr Hintergrundinformationen zu den mysteriösen Ereignissen, erhoffte ich mir also seiner einzigen autorisierten Autobiographie. Alles was ich mir erhoffte, fand ich eher weniger in Der Fluch der falschen Frage und Das verschwundene Mädchen. Die Sprache war ok, der Inhalt ok, die viel erhofften Antworten auf meine Baudelaire-Fragen spärlich. Doch mit Feueralarm! und Die singende Statue hatte er mich wieder mit beiden schreibenden Händen in seinen Bann zurückgezogen, und deshalb gibt es diese gesammelte Rezension.

Meine rätselhaften Lehrjahre erstreckt sich über vier Bände und erzählt die bisher geheime Jugend von Lemony, angefangen bei seinem – natürlich – 13. Lebensjahr. Jeder Band ist knackig kurz und man kommt sehr schnell dem jeweiligen Ende entgegen.

Wer Lemony Snicket nicht kennt: Mit ihm hat Daniel Handler ein sehr autarkes, sarkastisches Pseudonym erschaffen, das es als Chronist der Baudelaire-Geschwister mittlerweile in die, so weit würde ich mich schon aus dem Fenster lehnen, Ruhmeshalle neuzeitlicher Jugendliteratur geschafft hat. Auch Jim Carrey und Netflix haben sich mittlerweile der Materie angenommen. Weit weg von Harry Potter und Tintenblut, mit einem erwachsenen, endzeitschwarzen Humor, der sich noch am ehesten in Richtung Walter Moers lehnt. Hier geht es nun um ihn selbst.

Der Name des ersten Bandes ist Programm. In jedem Band geht es um eine neue falsche Frage, der Snicket als Prä-Detektiv nachjagte. Und wie immer bei Snicket steckt hier ein bisschen mehr als jugendliterarische Abenteuerromantik darin. Wie oft jagen wir einer Antwort nach und stellen dabei eigentlich die falsche Frage? Am Anfang der Geschichte steht ein rätselhafter Zettel mit der Botschaft „Kletter aus dem Klofenster und komm in die Gasse hinter dem Laden. Ich warte hinter dem grünen Roadster. Du hast fünf Minuten. S.“, der Lemony im Handumdrehen zu einem Mitglied der F.F., einer geheimen Geheimorganisation, macht. Eine Organisation, die von sich selbst sagt:

Nicht eine Aristrokatie von Macht und Einfluss, die sich auf Rang oder Reichtum gründet, sondern eine Aristokratie der Mitfühlenden, der Aufmerksamen und der Couragierten. Wir verkörpern die wahre menschliche Tradition, den einzig dauerhaften Sieg über Grausamkeit und Chaos. Wir sind keine siegreiche Armee, aber eine unbezwingbare. Menschen wie wir schlüpfen immer durch die Maschen. Unsere wahre Heimat ist die Phantasie, und unser Reich ist die ganze weite Welt.

Schneller, als er „Verrat!“ rufen kann, ist er in einer desaströsen Ausbildung, lernt viele interessante, aber höchstverdächtige Figuren kennen und stolpert alle Nase lang über verschwundene Gegenstände und Kinder. Am Anfang entblättert sich die Geschichte noch sehr gemächlich und sprachlich nicht auf dem üblichen Snicket-Niveau. Man lernt die wichtigen Protagonisten kennen, erfährt die ersten Hintergründe und ja, liest sich durch. Doch dann nimmt die sprachliche Gewandheit elegante Fahrt auf und es tauchen auch alte Bekannte wieder auf. Manchmal nur am schnell überlesenen Rande, wie ein schnell weggeworfenes Bonbonpapierchen mit den Worten „Olaf liebt soundso“, manchmal schon konkreter in gespürter oder tatsächlicher personeller Nähe. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird hier sehr glücklich, denn Snicket unkt, wie gewohnt, munter vor sich hin und verweist auf seine anderen Werke und ihre Mysterien: „Es ist unklug, seine Symbole auf Dauer anzulegen, wenn alles rundum im Umbruch ist. Es kann eine Zeit kommen, in der dieses Zeichen für Heimtücke und Verrat steht, nicht mehr für Noblesse und Belesenheit.“

Und, auch das lässt er sich nicht nehmen, es wimmelt von literarischen Anspielungen und charmanten kleinen Wortspielen wie das Beethoven, einem fordernden Verschnitt der Flüsterpost. Für alle Rätselfreunde und Spielgeister ist also vorgesorgt. Wieder einmal wird mir klar, warum ich Snickets entwaffnende sprachliche Simplizität so schätze. Ein Beispiel, Kafka in a nutshell: Es handelte von einem Mann, der eines Abends ins Bett geht, und als er aufwacht, ist er in einen Käfer verwandelt. Daraus entstehen ihm jede Menge Unannehmlichkeiten.

Neugier ist das A und O, wenn man Journalist sein will. Vielleicht ist sie sogar das A und O, wenn man irgendetwas sein will.

 

 

Doch keine Sorge, wer die Baudelaires nicht kennt, kann Snickets Autobiographie natürlich auch lesen – vielleicht hat man nur ein Fitzelchen weniger Spaß dabei. Es wimmelt von skurrilen Gestalten, die Snicket liebevoll fragil beschreibt, wie die immerzu in ihre Schreibmaschine tippende Moxie Mallahan, das ewig zankende Polizistenehepaar mit dem hinterhältigen Vorzeigesohn, der mit seiner schrillen Stimme als Sirenenersatz dient. Die geheimnisvolle, phantomhafte Ellington mit ihren fragezeichengleich geschwungenen Augenbrauen. Und so weiter. Da Snicket aus meiner Sicht der Meister kurioser Sätze ist, gleich eine ganze Auswahl der schönsten Schätze:

Es heißt ja, in jeder Bibliothek steht das eine Buch, das Antwort auf die Frage gibt, die uns wie Feuer auf der Seele brennt.

 

Kochen ist nicht sonderlich schwer. Man nimmt einfach Dinge, die essbar sind, und macht daraus etwas, das man gerne essen möchte. 

 

Mein Leben schien schwer wie Blei in dieser Nacht, jedes einzelne Jahr meines Lebens wie eine vollgepackte Kiste, sodass ich fast dreizehn Kisten in mir trug, alle randvoll mit Heften, von denen jedes randvoll mit Geheimnissen war.

 

Ein bisschen einsam war ich mein Leben lang. Ich wüsste nicht, warum das mit dreizehn anders werden sollte.

 

Der Anzug hatte wochenlang bei mir im Schrank gehangen wie ein hohler Mensch. 

 

Ihre Haare waren zottlig und ihr Auto grün, und das war das Positivste, was mir zu ihr einfiel.

 

Sieh zu, dass du zu ihr kommst. – Ich siehzu ja schon, sagte Kellar und siehzuhte ohne ein weiteres Wort aus dem Abteil.

 

Wie immer lässt Snicket ein paar Fragen für immer ungeklärt. Wer schon mit dem Finale von Lost Probleme hatte, könnte auch bei Snicket auf Granit beißen. So werden wir wohl nie erfahren, wofür das S. bei S. Theodora Markson steht. Nun gut, damit müssen wir wohl leben. Dafür ist die Lesewelt um ein gutes Stück Literatur reicher.

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