Max Goldt: Räusper

Comics im Dramensatz. Kann man sich nicht vorstellen, bis man es liest. 

In wenigen Sätzen verwandelt Max Goldt lineare Comic-Strips in komplexe kleine Dramen mit ironischem Tiefgang. Das macht er sprachlich so gekonnt, dass man nach jeder Seite den imaginären Hut ziehen möchte. Andere Autoren haben Gedichte, er hat Dramoletten, die auf ein paar Seiten ihr geballtes Dramenpotenzial entfalten. Was bedeutet dieses Frikadellenwort denn eigentlich? Bilder darf man auf jeden Fall nicht erwarten. Dafür aber eine Beschreibung, die jegliche Visualität obsolet macht. Um Gedanken sprechen zu lassen, hat er sich sogar ein paar Extra-Lettern entwerfen lassen:

Dafür hat er sich seine eigenen Comic-Strips vorgeknöpft, die unter anderem für das Satire-Magazin Titanic entstanden sind. Warum das Buch „Räusper heißt? Na weil er noch keinen Erikativ als Buchtitel gehabt hätte, erklärt Max. Macht Sinn. Überhaupt betreibt er eine sehr bildhafte, nichtsdestotrotz hocheloquente Sprachakrobatik. Neidlos gesteht man ihm einen sehr eigenen, ungelesenen Schreibstil zu. Hier kann ich nur Daniel Kehlmann zitieren: „Dass es aber, liest man genau, zum am feinsten Gearbeiteten gehört, was unsere Literatur zu bieten hat, dass es wahre Wunder an Eleganz und Poesie enthält und dass sich hinter seinen trügerischen Gedankenfluchten die genaueste Komposition und eine blendend helle moralische Intelligenz verbergen, entgeht noch immer vielen, die nur aufs Lachen und auf Pointen aus sind.“ Das stimmt!

In „Räusper“ vereinen sich 30 sehr kurze Geschichte zwischen zwei knallorangenen Buchdeckeln zu einem Spontanangriff auf den eigenen vertrockneten Humor. Hipster, die zwangsrasiert werden, Dialog zwischen Kakteen und unerbittlicher Sonne oder eine überraschend inspirierende Alte. Was als nächstes durch die Goldt-Mangel gezogen wird, hat man garantiert nicht erwartet. Dabei sind es eigentlich nur überspitzte Alltagsbeobachtungen, die man so schon irgendwie mal selbst gemacht hat.

Ohne jede Spur von Scheu und Schamgefühl prangt die Sonne am brutalblauen Himmel. Dass die Sonne auch erlösend sein kann, steht in tausend russischen Winterromanen. Hier steht es nicht.

Genau das richtige Buch für alle, denen der Ernst des Lebens zu den Ohren rauskommt und die sich auf eine sehr spezielle Schreibweise einlassen können. Strengt Lachmuskeln und Synapsen gleichermaßen an und verleitet einen dazu, noch deutlich mehr Goldt lesen zu wollen. Vielleicht nicht sein allerbestes Buch, aber ein galanter Einstieg.

 

Wieso trauern die Leute eigentlich immer auf Englisch? – Ist halt Popkultur. Die Fotos sollen ja weltweit beachtet werden.

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