Michael Marshall Smith: Stark, der Traumdetektiv

Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass mein Buchprojekt von Trips in die Vergangenheit geprägt ist. Nicht nur Siddharta und Moers Zamonien-Romane, jetzt habe ich mir auch Michael Marshall Smiths Debütroman Stark, der Traumdetektiv vorgenommen.

Zuallererst wollte ich ergründen, warum ausgerechnet dieser Titel solange mein erklärtes Profilierungslieblingsbuch gewesen war. Punkt Eins, man eröffnete damit immer sofort ein Gespräch, weil es schlichtweg keiner in meinem Dunstkreis kannte. Sehr seltsam, denn Smith wurde sogar mit dem Phlip K. Dick- und einem weiteren dieser tollen Awards in den Kreis der Science Fiction-Autoren aufgenommen. Und er ist, auch wenn es gerne mal unter den Tisch fällt, der Autor der Buchvorlage zu Die Insel.
Punkt Zwei war wohl schlichtweg der Gefallen daran, dass sich Leute bei meinem Büchergeschmack in völligem Unverständnis ergingen. Pubertät eben.
Punkt Drei schließlich war, so erinnerte ich mich vage, dass es mir in seiner fantastisch-düsteren Unfassbarkeit mit all ihren philosophischen Auswüchsen außerordentlich gut gefiel.

Also war mein Ziel, Punkt Drei auf den Zahn (der Zeit) zu fühlen. Denn eigentlich kann ich nicht mehr begründen, weshalb Stark tatsächlich in die Reihen meiner Lieblingslektüre gehörte – wo doch das meiste der Handlung in nebulöser Erinnerung verschwindet.

Gleich vorweg: Lest es. Aber bitte auf Englisch.

Es ist eines dieser Bücher, das nur in der Originalsprache seine volle Wirkung entfaltet. Das liegt wohl nicht zuletzt an den vielen bezeichnenden Ortsnamen, die auf Deutsch nur gewollt wirken. Möglicherweise hat auch nur der Übersetzer versagt. Schlecht lektoriert ist die erste, übersetzte Ausgabe auf jeden Fall.

Smith beginnt ohne Umschweife. Sein Protagonist ist Stark, der Vorname tut nichts zur Sache, doch die Welt, in der er lebt, umso mehr. Sie hat sich verändert, doch nicht global, sondern ganz im Gegenteil. Die Städte sind zu einer einzigen zusammengewachsen, ein Viertel reiht sich an das nächste – und jedes bildet seinen eigenen Mikrokosmos. Noch bevor der Begriff Web 2.0 salonfähig wurde, hatte Smith schon eine Ahnung von der Macht der sozialen Kommunen, in denen jeder einen Platz für sich findet.

Was in anderen Wohngebieten passiert, interessiert die wenigsten, die Küstengegenden vereinsamen, denn das Meer erinnert die Menschen nur daran, dass dahinter noch etwas anderes ist. Es gibt Viertel für Nerds, für die Superreichen, die Geräuschempfindlichen, die Kriminellen, die Workaholics und sogar für Katzen.
Stark gehört zu den wenigen, die sich überall zuhause fühlen. Vor allem aber auch in Taumland. Ja, Taumland, das ist tatsächlich kein Schreibfehler (obwohl ich das dem schlampigen Lektor zugetraut hätte). Es ist vielmehr der Ort, an dem unsere Träume aufeinandertreffen, der Ort an dem wir wieder ein Kind sind. Und wie würde ein Kind das Wort „Traumland“ wohl aussprechen?
Stark nimmt einen Auftrag an und nachdem er den vermissten Aktionisten Alkland – die Workaholics, ihr erinnert euch – aufspürt. Kaum hat er ihn wiedergefunden, wird klar, dass etwas absolut nicht in Ordnung ist. Der einzige Weg, Alkland von seinen Alpträumen zu befreien, ist, nach Taumland zu gehen. Ein Problem, bei dem es sich nur um den Aktionisten dreht. Doch darin irrt er sich gewaltig.

Taumland ist ein Ort, für den das Adjektiv „surreal“ wie geschaffen scheint. Dort spielt ein Teil des Buches und es ist auch der Teil, der auf manche verstörend wirken mag. Hier ist Smith düster, fantastisch, ultradepressiv und irgendwie einfach nur ehrlich.
Vermutlich ist genau hier die Stelle, an der man entscheidet, ob man das Buch faszinierend oder zum Hassen findet. Auch ich musste mich erst wieder in Starks Welt hineinlesen. Meine Augenbrauen rutschten alle paar Zeilen entsetzt nach oben, wenn Smith sich in belanglosen Wortspielereien verfing. Aber dann, auf einmal, wurde es tatsächlich wieder so gut wie früher. Zwischendurch blitzt Smiths trockener Humor unverhofft auf und man fühlt sich fast in einen Douglas Adams versetzt.

Ich sagte zu meiner Wohnung, sie solle sich benehmen, und ging hinaus auf die Straße.

Ich saß immer noch da, wartete auf den Tod, den Versteinerungsprozess und darauf, dass der Kaffee in der Küche einen Evolutionssprung vollzog und sich selbst zubereitete.

Ein echter Brite eben, der so manche Empfindung genau auf den Punkt bringt.

Ich weiß nicht, warum, aber ich halte es für sehr schwierig, im Angesicht des Meeres angemessene Worte zu finden. Ich werde dann ziemlich epigrammatisch und direkt.

Stark wird zu einer noch düsteren Version von Philip Marlowe, auch wenn er sich als solchen niemals sehen würde.
Mir gefällt die Weise, wie Smith eine düstere, verstörende Zukunft skizziert, die authentischer ist als die glänzenden Utopias anderer Fiction-Romanciers. Er wirft einen in die Geschichte hinein und die Welt entsteht beiläufig um einen herum, wächst und plötzlich ist man darin gefangen. Man kann ihm wohl einen leichten Hang zu Gewaltdarstellungen nachsagen, doch irgendwie fügt sich alles nahtlos ineinander (welche Grenzen kennt schon ein Alptraum?), zusammen mit den kleinen, philosophischen Perlen, die er immer wieder einstreut.

Aber wie jeder andere auch, war Ji einmal ein Kind gewesen. Bevor man zu einem guten oder schlechten Menschen wird, zu einem Heiligen oder einem Psychotiker, bevor man die Person ist, die man zu sein glaubt, war jeder mal ein Kind.

Einen großen Fehler hat das Buch jedoch. Es hört ganz unvermittelt auf. Die ganze Geschichte, die sich bis zum Ende in quälender Spannung aufbaut, wird in wenigen Seiten eingedampft, hübsch verpackt und Richtung Happy End geschickt. Darauf hätte ich verzichten können.

Aber trotzdem: es bleibt etwas Besonderes.

Mehr, mehr, mehr

1 Kommentar

Kolja Bonke: Film Riss | Das Buchprojekt 17. Oktober 2012 at 22:26

[…] offensichtlich. Und interessanterweise sprangen mir beim Lesen Stellen entgegen, die mich an Den Traumdetektiv von Michael Marshall Smith erinnerten, ein halbes Leben lang mein absolutes […]

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