Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

Ein berührendes Buch: Paris und Japan treffen aufeinander, Feingeist auf Bourgeoisie. Eine Concierge, die ihren Intellekt zu verstecken sucht und ein 12-jähriges Mädchen, zum Selbstmord entschlossen, weil sie sich ihrem vorgeschriebenen Schicksal nicht ergeben will.

Zunächst einmal, darf ich vorstellen, noch ein kleines, feines Sahnehäubchen für meinen Blog, der besondere Satz. In jedem Buch gibt es ihn, diesen einen Satz, der zwischen Anfang und Punkt die Essenz des Ganzen enthält. Sei es noch so furchtbar und unlesbar (dann ist es eben ein besonders schlechter Satz). Daher werde ich euch in Zukunft dieses Kleinod nicht vorenthalten.

Und gleich vornweg: der Vorführeffekt. Schon lange habe ich nicht mehr so viele Eselsohren produziert wie bei Der Eleganz des Igels. Daher mein Dilemma, für einen einzigen Satz konnte ich mich schlussendlich nicht entscheiden.

Von einem, der auszog, einer neckischen Anprobesitzung von schicken Dessous beizuwohnen, und der auf Feindesgebiet landet, mit dreißig Weibern in Trance, die ihm auf den Füßen herumtrampeln und ihm vernichtende Blicke zuwerfen, wo auch immer er seinen sperrigen Männerkorpus abzustellen versucht.

Witzig? Skurril. Ein besonders langer, besonders verschlungener und spitzer Satz, der bissig die Pariser Oberklasse kommentiert.
Soweit zum Igel und nun zur Eleganz.

Ich habe so viele Bücher gelesen… An einem Tag scheint mir, ich umfasse mit einem einzigen Blick die Gesamtheit des Wissens, als würden plötzlich unsichtbare Verzweigungen entstehen und meine zusammenhangslose Lektüre miteinander verweben – und dann entzieht sich mir unvermittelt der Sinn.

 Renée Michel ist schon sehr lange Concierge in der Rue de Grenelle 7 und versteckt dort hinter einer zu erwartenden Loge für eine annehmbare Concierge (mit Katze und permanent laufendem TV-Gerät) ihren Feingeist vor der Außenwelt. Doch wovor genau hat sie eigentlich Angst?
Das fragte ich mich zu Beginn des Buches ernsthaft, denn für einen Blick, der weit über den Tellerrand reicht, braucht man sich doch nicht zu schämen. Doch mit der Zeit und einige Seite später wird klar, stille Wasser sind tief und sie brauchen gelegentlich auch etwas Ruhe. Damit sich nicht alle Welt über das Kuriosum einer eigentlich ungebildeten, nicht so ansehnlichen und aus armen Verhältnissen stammenden Concierge erstaunt, die wider Erwarten Intellekt und Bildung aufweist. Nein, Madame Michel will einfach nur in aller Ruhe ihrer Lieblingsliteratur und feinen Gaumenfreuden frönen.
In mächtigen, verzahnten Gedanken und vielen Worten beginnt der kleine Roman. So überwältigte, ja erdrückte mich der Anfang mit viel Philosophie und bedeutungsschweren Sätzen – ein Gewirr, aus dem ich fast nicht mehr herausfand.
Und dann kommt Paloma hinzu, ein zwölfjähriges, hochbegabtes Mädchen, eingeboren in eine reiche Familie voller Menschen, die hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind. Paloma beschließt zu sterben, denn was, außer eines vorgezeichneten Schicksals, stringent in all seinen Facetten bis hin zu ihrer eigenen, gutbürgerlichen Familie, kann ihr das Leben noch bieten?
In Tiefgründigen Gedanken und ihrem Tagebuch von der Bewegung der Welt philosophiert und analysiert sie nüchtern die Absurdität der Welt um sie herum. Sie ist nur wenige Wände von Madame Michel entfernt, nicht ahnend, dass eine verwandte Seele in der Nähe ist.
Es braucht erst Monsieur Ozu, um die beiden aufeinander aufmerksam zu machen. Der japanische, ältere Herr zieht eines Tages in das Haus in der Rue de Grenelle und erkennt sofort zwei verwandte Geister. Und plötzlich geht die Sonne für Renée und Paloma auf.
Ich habe lange gebraucht, um in den Bann dieses kleinen Kunstwerks zu geraten. Zuerst war ich erdrückt und auch ein wenig genervt von viel philosophischer Attitüde. So viele Worte, die nur schön klingen sollen, dachte ich mir zuerst.
Aber dann ist Muriel Barbery, meiner Meinung nach, ein wahres Kunststück gelungen. Sie hat diese beiden ätherischen Figuren hinunter in die Realität gezogen und sie ganz greifbar und lebensecht gemacht.
Auf einmal erkannte ich meine Sprachverliebtheit bei Madame Michel wieder, die sich eine  Sklavin der Grammatik nennt und in Verzückung gerät, wenn eine junge Bewohnerin des Hauses in Veterinärsprache über ihre Katze fachsimpelt und dabei mit fremdklingenden und exotischen Begriffen um sich wirft.

Madame Michel ist das, was man eine echte Marke nennt. Mit einem Faible für hohe Literatur, aber auch den klassischen Hollywood-Actionfilm. Ein Herz, das bei Blade Runner ebenso hoch schlägt wie bei Shakespeare.Sanft und lebensklug zieht sich ihr Erzählstrang durch das Buch und gibt ihm eine feste Form.

Paloma ist noch jung und macht eine nicht untypische Phase für ein pubertierendes Mädchen durch. Und doch betrachtet sie die ganze Situation ganz nüchtern durch ihre Brille und wartet mit hervorragend beobachteten Spitzfindigkeiten auf.

Ihre Mutter schickt sie zum Psychiater und was tut der kleine Teufelsbraten? Sie versucht, dem vermeintlich in seinem Sessel erstarrten Spezialisten eine Bewegung zu entlocken.

„Ich hatte Mühe, meine Gedanken zu ordnen, weil ich von seiner
Bewegungslosigkeit vollkommen gebannt war.“

In Monsieur Ozu finden Renée und Paloma beide etwas wieder, das sie glücklich macht. Paloma schwärmt für Japan und zieht ihre Lebensweisheit tatsächlich aus Mangas.

Renée findet ihr Gleichgewicht in der Wohnung des Japaners wieder und denkt sich gleich eine Ode an die Schiebetür, die den Raum würdigt, weil sie ihn nicht böswillig einreißt.
Details rücken auf einmal in den Fokus und zeigen eine wunderschöne, neue Perspektive, die staunend wie ein Kind auf das Wunder des Lebens schaut.

Zu guter Letzt: Ein wundersames Ende, das schöner und heldenhafter nicht sein könnte. Klug und weise findet Muriel Barbery zu einem Schluss, wie ich ihn Martin Suter nur wünschen würde.Das Buch ist, als würde man an einem verregneten Tag wie heute, mit viel Genuss ein warmes Stück Apfelkuchen verspeisen. Es ist der perfekte Moment mit dem leisen Bedauern, dass das Vergnügen bald vorbei sein wird.

Mehr, mehr, mehr

1 Kommentar

Anonymous 17. April 2012 at 20:34

Klasse Buchkritik! Mir ging es genau so, am Anfang hat es etwas gedauert bis das Buch einen in den Bann zieht, aber dann!

Und super, dass du die besonderen Sätze jetzt postest.

Weiter so.

Antworten

Schreibe einen Kommentar