Neil Gaiman: The Sandman

Ein Comic für Intellektuelle und all diejenen, die sonst keine Comics lesen.

Ich musste mich erst einmal wieder daran gewöhnen statt der Stringenz eines Buches den vielen Ebenen einer Graphic Novel zu folgen. Der Blick wird nicht immer in einer konsequenten Linie von links nach rechts, von oben nach unten geleitet. Die Gesetze sind auf jeder Seite neu. Bild trifft Wort trifft Erzählung. Als intuitiver und unkonzentriert neugieriger Leser bin ich da schnell verleitet, alles auf einmal wahrnehmen zu wollen. Meine Aufmerksamkeit wird schnell von allem, das mir ins Auge fällt, abgezogen. Höchst anstrengend. Und eine höchst willkommene Abwechslung.

„The Sandman“ also. Das einzige Comic, das jemals einen ernstzunehmenden Literaturpreis gewonnen hat: den World Fantasy Award. Und es auf die Bestseller-Liste der NY Times geschafft hat. Der Auftakt einer Reihe, die sich über sieben Jahre fortsetzte, mittlerweile gut ein Vierteljahrhundert alt ist und aus 75 Einzelausgaben besteht. Und in einem fantastischen, nichtsdestotrotz uns bekannten Universum spielt: der Welt der Träume. Der Sandmann ist eine gequälte, tragische Figur, die es durchaus mit den großen Leidenden der Weltliteratur aufnehmen kann. Er ist der Herrscher der Träume, der guten und schlechten, kurz „Dream“. Einem Shakespeare-Helden gleich plagt er sich nach Jahrzehnten in nicht gerechtfertigter Gefangenschaft durch Menschen, all seiner Kräfte und seines Reiches beraubt, den Sinn seines „Lebens“ wiederzufinden. Der Sandmann sollte eigentlich ein Superheld aus der DC Welt sein, doch er weigert sich dagegen und Gaiman entwickelte ihn konsequent und trotzig in eine andere Richtung. Schon von der ersten Seite an sträubt er sich in ein heroisches Raster zu rutschen. Er ist melancholisch, depressiv, menschlich und unmenschlich zugleich. Und er wird umringt von anderen, sehr zugänglichen und alles andere als glatten Charakteren, mit denen man sehr schnell zu sympathisieren beginnt.

Wem übrigens Neil Gaiman nichts sagt, der kennt dafür vielleicht die Tim Burton Verfilmung von Coraline oder die neue US-Serie American Gods. Alles der fantastische Gaiman.

Zu den Grundzügen der Geschichte: Unser Held, der keiner sein will, hat uns ebenfalls bekannte Geschwister: Death, Despair, Destiny, Destruction, Desire und Delirium. Und seine Gefangenschaft ein Versehen, das die nachfolgenden Ereignisse auslöst (man kann bei all den illustren Figuren ja schon einmal durcheinander kommen). So sollte eigentlich statt „Dream“ der Tod („Death“) gefangen werden. Stattdessen darbt er 70 Jahre anstelle seiner Schwester dahin, bis er sich schließlich befreien kann und sich allein und entkräftet in der Realität wiederfindet. Doch wäre er nicht die Verkörperung des Herrschers aller Träume, wenn er die Kraft und Cleverness dafür nicht hätte. Man möchte an den Sandmann glauben und tut es hier auch wieder, Seite für Seite mehr. Im ersten Band begleiten wir die sympathische, schwarze Seele dabei, ihre alte Macht wieder zusammen zu klauben und lernen sein nahezu untergegangenes Reich kennen. Ganz unbemerkt wächst uns der große Stille dabei ans Herz.

Ein Kennzeichen Gaimans ist, dass er Mythologie und Alltag, Vergangenheit und Gegenwart, Literatur und Historie fließend ineinander webt. Man trifft auf mythologische und biblische Figuren, im ersten Band beispielsweise Kain und Abel. Und auf Charaktere, die man so auch bei der morgendlichen U-Bahn-Fahrt erlebt (insbesondere wenn man in Berlin wohnt und am Kottbusser Tor in die U8 steigt). Gaiman spart darüber hinaus nicht an Symbolismus, so sind die Kräfte materielle Machtinsignien, das Reich ein Ort, der nach seinem Untergang an ein Szenario von Dante erinnert

Im ersten Sammelband „Preludes & Nocturnes“ finden sich noch einige Inkonsistenzen im Vergleich zum Rest der Reihe, gerade in der Visualisierung. Trotzdem ist das Werk durchzogen von besonderen Schmuckstücken, die den ersten Sandman besonders machen. In späteren Bänden werden Stolpersteine nacheinander ausgemerzt, Gaiman findet zu seinem Stil. Die generelle Vielfalt und Veränderung der Reiheliegt natürlich aber auch daran, dass er mit unterschiedlichen Zeichnern zusammenarbeitete. Und mit dem Zeichner Sam Keith ist ihm ein guter Auftakt gelungen, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Letztendlich verschmelzen fantastische Welten mit der unseren äußerst kunstvoll zu einem Gesamtwerk, mit, man kann es wirklich sagen, philosophischer Tiefe.

„I have found the solace I sought, though not in the world I imagined.“

 

Mehr, mehr, mehr

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