Philippe Dijan: Betty Blue

Die Geschichte um eine ver- und zerstörende Amor fou, die alles Lieben und Leben um sich herum erdrückt und dabei trotzdem wunderschön ist.

Mit Betty Blue habe ich (dem Kollegen sei Dank) wieder in die Kultkiste gegriffen und dabei einige überraschende Entdeckungen hervorgezogen. Rotzig, frech und verzweifelt ist die Protagonistin dieses Road Movies der Liebe, Betty Blue. Sie trifft gleich am Anfang auf den Ich-Erzähler Zorg und reißt ihn wie eine Naturkatastrophe mit sich.

Sie schwärmt für sein unveröffentlichtes Manuskript und ist letztendlich der ausschlaggebende Ansporn für ihn, es zu beenden. Das Manuskript ist im weitesten Sinne eine Metapher für die Beziehung der beiden und der rote Faden, der sich durch das ganze Buch zieht.

Zorg kann sich anfänglich Betty unkonventionellen Charmes nicht erwehren, doch es dauert nicht lange und ihre obsessive, traurige Persönlichkeit sickert durch. Doch es ist bereits zu spät für ihn, längst ist er in ihrem Sog gefangen und fühlt auch noch ein hohes Maß an Verantwortung. Gemeinsam sucht er einen ruhigen Ort für sie beide, in der unsteten Hoffnung, damit ein Allheilmittel für Betty zu finden. Es gibt sie auch, diese Lichtblicke, die Zorgs Liebe am Leben erhalten, die Momente, in denen Betty die personifizierte Traumfrau ist. Irgendwann jagt er nur noch diesen Momenten nach, quer durch das Land, als Hausmeister, Klempner und schließlich Klavierverkäufer. Ein Buch, das sich zu katastrophalen Ausmaßen hochschaukelt und dann unvermittelt abbricht, einen mit diesem perfekten Ende verdattert dastehen lässt.

Diesen Satz aus der Amazon-Beschreibung find ich übrigens grandios treffend:

Die Geschichte eines verkappten Schriftstellers und seiner Freundin Betty, dem durchgeknallten Mädchen, das sich Ärger einholt wie andere frische Brötchen.

Die Handlung um die beiden wird von anderen Personen flankiert, die jedoch im Schlagschatten dieses Dramas kaum mehr Erzählkraft als beliebige Statisten entfalten. Dijan schreibt mit einer aggressiven und sinnlichen Dramatik, die alles sprengt. Die Sprache der Siebziger zieht sich durch das Buch, darin hat sich die Übersetzung nicht wirklich angepasst. Dadurch wirkt es schon etwas antiquiert, verliert jedoch nicht an Kraft.

Das Buch erscheint manchmal aus Szenen aneinandergereiht. Eine, die mir davon besonders hängen blieb, findet im Klavierladen statt. Zorg setzt sich an ein Klavier und beginnt zu spielen, Betty setzt ein. Eine sehr einfache Situation, die jedoch wunderschön beschrieben ist.

Einen besonderen Satz gibt es natürlich auch:

Am Anfang hat man den Eindruck, es handle sich bloß um einen kleinen Riss, beugt man sich aber nur ein wenig vor, dann stellt man fest, dass man vor einem unergründlichen Schlund steht. Manchmal ist die menschliche Einsamkeit abgrundtief. Deswegen hat man auch die Gänsehaut erfunden, um nicht unentwegt mit den Zähnen klappern zu müssen.

Man verlässt die letzten Seiten froh darüber, dass man so etwas nicht selber erleben musste, aber auch mit dem unabdingbaren Gefühl, im Angesicht dieser obsessiven Liebesgeschichte selbst noch nie wirklich geliebt zu haben.

Mehr, mehr, mehr

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