Stieg Larsson: Verdammnis

Also Stieg, du hast es tatsächlich geschafft, mich doch noch zu überraschen.

Dies sollte eigentlich eine Rezension über die zwei letzten Larsson-Romane werden, aber meine minutenweise geistig unzurechenbare Wenigkeit hat das fast fertiggelesene Buch am Wochenende bei meiner Familie liegen lassen. Bombenidee.

In dem zweiten Band der Millennium-Reihe richtet er seinen erzählerischen Schweinwerfer auf Lisbeth Salander, Mikael Blomkvist taucht erstmal hinter einer wohlmeinenden, vertrauenserweckenden Fassade ab.
Dafür wird die kleine Anti-Heldin ordentlich durchleuchtet. Man glaubt, sie schon im Epilog vor sich zu haben, als aus ihrer Jugend erzählt wird. Nach und nach kommen immer mehr schockierende Einzelheiten ans Licht, die an einer Stelle sogar darin gipfelten, dass ich mir vor Erstaunen fast den Kiefer ausrenkte. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet und verneige mich fairerweise vor Herrn Larsson.

Mikael und Lisbeth betreten das Buch auf getrennten Wegen. Millennium wird von einem Wirtschaftsjournalisten auf einen brisanten Fall von Mädchenhandel gestoßen, der seine Wurzeln bis tief hinein in die schwedische Gesellschaft schlägt.
Doch kurz vor der Veröffentlichung werden der Journalist und seine Freundin brutal ermordet. Die Tatverdächtige: keine andere als Lisbeth Salander.
Kurz darauf wird auch Nils Bjurman, Lisbeths Betreuer, tot aufgefunden.

Während unsere Heldin als potentielle Mörderin durch das Land gejagt wird, versucht Mikael verzweifelt Kontakt zu ihr aufzunehmen. Er weiß nicht, was in dem Kopf der jungen Frau sie bewogen hat, radikalen Abstand von ihm zu nehmen. Doch er ist von ihrer Unschuld überzeugt und beginnt in ihrer Vergangenheit zu recherchieren.

Wer bist du wirklich, Lisbeth Salander? Und schon bald tauchen erschreckende Details auf, die diese zwischen verängstigter Gewaltbereitschaft und besessener Genialität stehende Frau erklären.

Ein Manko, das mich durch häufige Wiederholung zwischendurch doch entnervt aufseufzen ließ: die inflationäre Nennung von Apple-Produkten und das gewissenhafte Aufzählen aller Einkäufe und der Reihenfolge, in welcher diese anschließend verspeist werden. Stilmittel (dessen Bedeutsamkeit an mir vorübergegangen ist) oder einfach nur Seitenfüller? Man weiß es nicht, tut dem Buch aber auch keinen wirklichen Abbruch.

Was von manchen als in die Unglaubwürdigkeit abdriftender Fauxpas bezeichnet wird und auch mich zwischendurch immer stutzig machte, ist die absolute Unberührbarkeit Lisbeths. Wie ein Wirbelsturm fegt sie durchs Land, legt sich gleichermaßen körperlich und geistig mit jedem an, der ihr in die Quere kommt – und verliert natürlich nie. Der Beweis für Fermats Satz oder ein zur Kampfmaschine mutierter Muskelhüne, ganz gleich,  die zierliche Lisbeth steckt sie alle in die Tasche.
Doch ich muss sagen, dass Stieg Larsson glaubhafte Erklärungen für ihre Wundertaten findet, gut ihre Genialität ist angeboren, doch ihre kämpferische Überlegenheit beruht mehr auf Schnelligkeit und durchdachten Angriffen als auf stupider Muskelkraft.

Meiner Meinung nach, ist das Buch wesentlich besser als das Debüt, Verblendung verblasst beim Lesen zu einer Ouvertüre und ich hatte diesmal beim Lesen der letzten Seite tatsächlich sofort Lust auf das nächste Buch. Ich kann nur hoffen, dass der dritte Band genauso schließt.

Schade nur, dass Stieg Larsson noch vor der Fertigstellung weiterer Bände gestorben ist. Sicherlich hätte auch Mikael noch eine ordentliche Durchleuchtung bekommen. Und ihr wisst ja, stille Wasser sind tief.

Wenn ich bis nächste Woche nicht vor Neugier platze, folgt auch noch die letzte Rezension.

Mehr, mehr, mehr

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