Stieg Larsson: Vergebung

Endlich habe ich das Ende gefunden und kann eine neue Hypologie in das Regal stellen.

Ausnahmsweise das Fazit einmal vorweg: Trotz meines Herumgenörgels an den einzelnen Teilen – so schlimm war es nun wirklich nicht.

Zusammengefasst überzeugen mich vor allem der zweite und dritte Teil. Darin entspinnt sich die ganze Geschichte von Lisbeth Salander, die gerade jeweils am Ende des zweiten und dritten ‚Teils ihre Spannungshöhepunkte hat.

Zuerst war ich von Vergebung enttäuscht. Ich musste mich durch die erste Hälfte kämpfen, da die Geschichte nach dem plötzlichen Hoch in Verdammnis wieder ziemlich abflacht und nur noch zäh dahinfließt. Auf einmal scheinen alle Aspekte klar, es geht nur noch darum, Lisbeths Unschuld zu beweisen. Sie liegt im Krankenhaus, durch ihre schwere Kopfverletzung außerstande, etwas Aufregendes anzustellen. Der einzige Spannungspunkt ist die unmittelbare Nähe zu Zalatschenko, der nur wenige Meter entfernt auf derselben Station liegt. Auch eine (nicht ganz) neue Figur tritt an den vorderen Bühnenrand: Annika, Mikaels Schwester. Sie wird die Anwältin von Lisbeth und versucht, ihr Vertrauen und den anstehenden Prozess zu gewinnen.

Das ist nicht einfach, denn Mikael enthält ihr gewisse Details und Lisbeth, nun ja, ihre Schweigsamkeit ist uns inzwischen ja bekannt. Dennoch ist die Figur Lisbeths verändert, sie ist formbarer, sanfter und flexibler geworden ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Gerade das macht diese Romanfigur so interessant und stellt Larssons Können unter Beweis – sie ist nicht starr, sondern unterliegt einer stetigen Wandlung.

Am Rande fließt auch noch die Geschichte Erika Bergers dahin, die zu einer großen Tageszeitung gewechselt hat und dort mit einem anonymen Stalker zu kämpfen hat.

Die Geschichte nimmt viele Seiten später wieder an Fahrt auf, als Mikael es schafft, einen Palm und damit eine Kommunikationsmöglichkeit in Lisbeths Krankenzimmer zu schmuggeln. Endlich lässt sie ihre Verweigerungshaltung fallen und erwidert seine unzähligen Kontaktversuche. Gemeinsam entwickelt das ungleiche Trio eine strategisch geniale Verteidigung gegen die vielen Gegner Lisbeths, die sich auch in den Reihen der Staatsgewalt tummeln.

Und abschließend trumpft Larsson noch einmal auf und lässt den Roman in einem furiosen Finale aufbranden. Die über Tage andauernde Verhandlung ist meisterhaft beschreiben, kein Wort ist zuviel. Man hat schon längst vergessen, dass er vormals ganze Absätze für die Einkaufslisten seiner Protagonisten verschwendete.

Mikael Blomkvist gewinnt auf ganzer Länge an Sympathie in diesem Roman und, meiner Meinung auch endlich etwas an Kontur, die ihm vorher im Vergleich zu der scharfkantigen Lisbeth fehlte.

Nun bin ich mir nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe, aber mir scheint, als habe Larsson eine interessante Idee einfach versanden lassen. Die Andeutung, dass es die Sektion bereits vor Zalatschenko gegeben haben soll und welchen Zweck sie damals schon erfüllte, blieb leider nicht mehr als eine vage Idee.

Aber möglicherweise wollte Larsson hier wieder für einen Folgeroman vorgreifen. Auch das ist definitiv eine seiner Stärken, die Handlungsfäden seiner Romane miteinander zu verweben. Schade auch, dass soviele Ansätze nun ins Leere verlaufen, ich hätte gerne mehr über Lisbeths Schwester erfahren, wie sie sich selber weiterentwickelt und welche Leichen Mikael eigentlich im Keller hat.

Mein Fazit. Kein Muss für das literarische Wohlbefinden, aber gerade Verdammnis und Vergebung sind eine spannende Lektüre. Verblendung kann als Schmankerl dazugelesen werden, ist aber für den Inhalt der zwei folgenden Teile nicht essenziell.

Und noch ein Wort zu der aktuell laufenden US-Verfilmung von Verblendung. Meine Empfehlung hat sie. Natürlich habe ich den Vergleich zum schwedischen Original nicht, bin jedoch der Meinung, dass ein zurückhaltend charmanter Daniel Craig und eine faszinierend-verwirrende Rooney Mara auch keinen Vergleich scheuen müssen. in den zwei Stunden und 38 Minuten kam bei mir nicht einmal Langeweile auf.

Mehr, mehr, mehr

1 Kommentar

Anonymous 10. April 2012 at 15:31

Na endlich! Freut mich, dass Dir dieser Roman auch gefallen hat. Und ja, die US-Verfilmung ist gar nicht schlecht, auch im Vergleich zur Schwedischen.

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